Eine Abrechnung mit dem Kopftuch als Symbol für Irgendetwas.
1 Sep

Eine Abrechnung mit dem Kopftuch als Symbol für Irgendetwas.

Eine Kopfbedeckung ist kein Symbol.

Ein Kopftuch ist kein religiöses Symbol. Es ist kein politisches Statement. Es ist kein Zeichen für die Unterdrückung der Frau. Es ist kein Zeichen meines sozialen Status.

Was mich, als jemand der, wenn sie ihre Privatsphäre verlässt, ihre Haare mit einem Stück Stoff bedeckt, an der aktuellen Welle von Diskursen und der Schwemme von Kommentaren und Blogeinträgen zur Burka/Burkini/Kopftuch-Diskussion, am meisten nervt, ist die Unterstellung, das Kopftuch wäre ein religiöses, politisches oder soziales Statement, oder das Erkennungszeichen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, gleichzusetzen mit einem Kreuz, einem Davidstern oder einer Nationalflagge. Ich möchte einmal behaupten, dass uns „kopftuchträgerinnen“ dieser ganze „Symbol-für- IrgendEtwas-Diskurs“ einfach übergestülpt und tausendfach medial reproduziert wurde. Solange, dass es mittlerweile indiskutabel erscheint, dass das Stück Tuch am Kopf irgendetwas anderes bedeuten könnte, als ein Symbol des radikalen politischen Islam, ein Zeichen der Unterdrückung oder ein Erkennungsmerkmal einer fremden Kultur

Erstens, ich bin keine „Kopftuchträgerin“.

Als wäre dies allein etwas, das einen Menschen definieren und kategorisieren könnte. Das Kopftuch ist nicht an mir angewachsen, es ist nicht meine Persönlichkeit, nicht mein Charakter, nicht meine Kultur, nicht meine Religion, nicht meine politische Einstellung. Es sagt nichts aus über meine Deutschkenntnisse, meine soziale Schichte, meine kulturelle Herkunft, meine Ausbildung oder meinen Beruf, meinen Familienstand, meine Interessen oder Ernährungsgewohnheiten. Das Kopftuch ist nicht, was ich bin. Ich trage es, als ein Kleidungsstück, wenn ich mich im öffentlichen Raum bewege oder wenn sich Öffentlichkeit in meiner Privatsphäre bewegt. Ich trage es nicht, um öffentlich meinen Glauben zu deklarieren oder um als „Muslima“ erkannt zu werden. Ich trage es nicht, um mich von der Gesellschaft, in der ich geboren bin, erst-sozialisiert wurde und momentan lebe, abzugrenzen. Ich trage es nicht, um meine Werte und politische Gesinnung zum Ausdruck zu bringen und nicht, um in sinnlose Polemiken mit Fremden verwickelt zu werden.Das Kopftuch gehört zu mir, sowie eine Jacke oder ein paar Schuhe. Es ist auswechselbar, waschbar, variierbar, es kann als modisches Accesoire genutzt werden, muss aber nicht, manchmal praktisch und manchmal, ja klar, einfach zu warm. Aber es ist ungemein nützlich, um meine eigene körperliche und seelische Integrität als Frau zu wahren. Diese Erfahrungen kann man vielleicht nur als praktizierende Kopftuchträgerin teilen, vielleicht aber auch nicht. Denn die Erfahrung der körperlichen Integrität bzw. deren Verletzung hat wohl jede Frau in der einen oder anderen Form schon erlebt. Jeder Übergriff und Eingriff in die Spähre der körperlichen Integrität der Frau, sei es auch nur ein Blick, eine Bemerkung oder eine beifällige harmlose Berührung, ist eine Form des physischen oder emotionalen Missbrauchs. Das Kopftuch in diesem Sinne ist vielleicht am besten als eine Grenze zu beschreiben. Eine Grenze zwischen mir und meiner Umwelt. Aber keine Abgrenzung, sondern eine Grenze, die eben diese Integrität zu wahren versucht und die sowohl die Trägerin selbst, als auch ein Gegenüber an diese Integrität erinnert. Denn wie oft, verletzen wir als Frau selbst unsere Integrität, nehmen Demütigung und Respektlosigkeit einfach hin oder tun uns diese sogar selbst an, indem wir unseren Körper einfach nicht entsprechend würdigen? Wie oft lässt sich Frau dazu überreden, ihren eigenen Körper nicht in der Form zu schätzen und zu respektieren wie dieser es verdient hätte? Wie oft lässt sie sich einschüchtern und überschreitet dabei ihre eigenen gespürten Grenzen? Ist es in Ordnung, den weiblichen Körper zu instrumentalisieren, damit Werbung und Politik zu machen oder ihn zu verwenden, um einen suggerierten Zuwachs an Macht, Ansehen oder eine besssere soziale Position zu erlangen?

Ich verdecke meine Haare oder meine Figur nicht mit Kleidung aus mangelndem Selbstbewusstsein, sondern weil ich mir ihrer Schönheit und Würde bewußt bin und selbst bestimmen möchte, wem ich wieviel von meinem Körper zeigen möchte. Weil mir dieser Körper heilig ist. Und weil ich nicht zulassen will, dass dieser instrumentalisiert wird, nicht einmal durch mich selbst.

„Das Kopftuch ist ein Symbol für die Unterdrückung der Frau.“

Diese Gleichung ist einfach nicht richtig und sie geht nicht auf. Ich will nicht behaupten, dass in vielen Ländern der Welt, leider auch dort, wo eine wie auch immer geartete „muslimische“ Kultur (und ich spreche hier nicht von „Islamischer Kultur“) vorherrschend ist, Frauen nicht strukturell, kulturell und ja natürlich, oft auch durch religiöse Rhethorik begründet, massiv unterdrückt werden. Aber ich behaupte, dass das Kopftuch per se oder die Entscheidung einer Frau ihre körperlichen Vorzüge bewusst zu verhüllen, mit dieser Unterdrückung nichts zu tun hat und schon gar nicht als ein Symbol dafür erachtet werden kann.

Ja, wenn eine Frau zu einer Art der Kleidung oder Nicht-Bekleiung gezwungen wird, dann liegt eine Form der Unterdrückung vor. Aber diese Unterdrückung hat mit dem Akt des ZWANGES zu tun, nicht mit dem Kleidungstück an sich. Zwang, sei er nun offen und unter Androhung physischer, staatlicher oder häuslicher Gewalt, oder subtil, unter Anwendung emotionaler oder psychologischer Manipulationen, ist immer eine Form der Unterdrückung und der Überschreitung der Integrität eines Menschen. Diesen Zwang gilt es aktiv zu bekämpfen, sowohl strukturell als auch durch die Stärkung unserer Eigenwahrnehmung und dem Mut zur Wahrung unserer eigenen Grenzen. Verurteilungen, soziale Verleumdung, negative Stereotypisierung und kategorisches Schubladendenken zählen auch zu subtilen Methoden Zwang auszuüben und einen Menschen und dessen Entscheidungsfreiheit manipulieren zu wollen. Jeder, der einer Frau vorschreibt, wie sie sich zu kleiden oder zu entkleiden hat, und dabei offene oder subtile Gewalt anwendet, hat ihre Integrität und Würde verletzt. Das Kopftuch per se, wenn es schon als ein Symbol für etwas erachtet wird, sollte als Symbol für diese Würde und Integrität gelten, als selbstbestimmte Grenze, als seelischer, psychischer, emotionaler und körperlicher Schutzfaktor. Selbst wer kein sichtbares „Kopftuch“ trägt, sollte sich dieser ursprünglichen und essentiellen Funktion des „Hijabs“ –des Schleiers—bewusst sein. Die Wahrung einer Grenze, um die eigene Integrität im Alltag zu schützen.

Das Kopftuch ist in erster Linie ein funktionales Kleidungsstück und kein religiöses oder politisches Statement.

Die Funktion einer ordentlichen Jacke ist es, mich vor Regen, Wind oder Kälte zu schützen. Die Funktion eines ordentlichen „Hijabs“ ist es, meine seelische, emotionale, psychische und physische Integrität gegenüber meiner Umwelt und mir selbst zu bewahren.

„Hijab“ in diesem Sinne wurde von Frauen der verschiedensten Traditionen, Kulturen, Zeitalter und Religionen gewahrt, in unterschiedlichsten Formen, Farben und Stilen. Erst die Diskurse und das mediale Make Up der modernen Gegenwart haben es geschafft, die Frauen mehrheitlich zu überreden, die Wahrung ihrer körperlichen Integrität in einer selbstbestimmten öffentlichen Zurschaustellung ihres Körpers und ihrer Sexualität zu begreifen.

Ist es ein politisches oder religiöses Statement, in Stöckelschuhen, Hotpants oder nur im Bikini auf die Strasse zu gehen? In wenigen Fällen kann dies durchaus der Fall sein, aber die überwiegende Mehrheit der Frauen, wird wohl dazu neigen, sich ihrem persönlichen Empfinden, Stil oder der eigenen Integrität entsprechend zu kleiden. Es stimmt natürlich, dass ein gewisser Kleidungsstil eventuell auch richtige Rückschlüsse auf persönliche Vorlieben, soziale Herkunft, berufliche Position etc. erlaubt, aber das Kopftuch als Funktionskleidung, macht noch lange keinen Kleidungsstil aus. Denn auch das Kopftuch kommt in allen Facetten daher und wird häufig in den persönlichen Stil integriert, wie eine ordentliche Jacke.

Trennen wir also bitte den scheinbar unzertrennlich gewordenen Konnex zwischen Kopftuch und einem Symbol für IrgendEtwas in den öffentlichen Debatten. Betrachten wir es als ein Kleidungsstück, das für verschiedene Frauen verschiedene Zwecke erfüllt. Das Kopftuch zum Problem zu machen lenkt nämlich nur vom eigentlichen Thema ab, für das das Kopftuch zum Stellvertreter geworden ist: Nämlich Zwang und Unterdrückung. Ist es möglich Zwang mit Zwang zu bekämpfen und Diskriminierung mit Diskriminierung? So seltsam diese Logik auch anmuten mag, in der aktuellen Kopftuch-Debatte scheint sie zur unhinterfragten Norm geworden zu sein.