Obsessionen und die Spirale epistemischer Gewalt gegen die „Andere“
8 Mär

Obsessionen und die Spirale epistemischer Gewalt gegen die „Andere“

Die „Andere“ als Projektionsfläche

Dieser Tage werden wir wieder einmal Zeugen der beispiellosen obsessiven Beziehung der neo-kolonialen Gemüter mit dem Körper der „Anderen“ Frau. Wir erleben einerseits ein verstärktes Ringen muslimischer Akteurinnen um ihr Recht auf Selbstrepräsentation und Selbstbestimmung, andererseits wird vehement versucht, ihre Stimmen zu ersticken, sie in einen fortwährenden Objektstatus zu zwingen und jene Diskurse, die für sie lebensrelevant sind, fremdzubestimmen. Kurzgesagt: Die muslimische Frau ist zu DER Projektionsfläche schlechthin geworden für Alles, was die neokoloniale Gesellschaft nicht sein will. Der Aufruf, die muslimische Frau zu befreien-- auch gegen ihren Willen-- steht stellvertretend für die eigene konfliktive Vergangenheitsbewältigung bzw. deren Verdrängung. Patriarchale Strukturen der eigenen Gesellschaft werden auf die „Andere“ projiziert. Insbesondere die obsessive Beziehung mit dem Körper der „Anderen“ Frau und die Kontrolle über diesen zu erlangen, spielte bereits in der Geschichte des Kolonialismus eine wesentliche Rolle.

Die aktuellen medialen Diskurse sind derweil eskaliert, so dass ein regelrechter Krieg ausgebrochen ist, darüber wer nun die Autorität und die Definitionsmacht über den Körper der muslimischen Frau für sich beanspruchen darf. Die Lager sind dabei kaum mehr überschaubar: Ausgehend von RechtspopulistInnen, BoulevardjournalistInnen, FeministInnen, Linksliberalen und religiösen ExtremistInnen ist dieser Kampf mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen und es gibt kaum jemanden, der nicht seine oder ihre Meinung dazu lautstark kundtun will: Von MinisterInnen bis hin zu PensionistInnen, von UniversitätsprofessorInnen bis hin zu Möchtegern-TheologInnen scheint mittlerweile fast jeder und jede mit seinen und ihren eigenen Projektionen auf diesem epistemologischen Schlachtfeld der Definitionsgewalt über den Körper der muslimischen Frau mitmischen zu wollen.

Objektifizierungen

Würde sich die Mehrheitsgesellschaft wirklich Sorgen machen, um das Wohlergehen und die Freiheit der muslimischen Frauen, dann würde sie daran arbeiten die sozioökonomischen Strukturen für Frauen allgemein zu verbessern, mehr Partizipationsmöglichkeiten in Politik und Medien für marginalisierte Gruppen und Minderheiten zu schaffen und gegen die zunehmende Diskriminierung am Arbeitsmarkt ankämpfen.

Doch die hitzigen Diskurse werden beinahe ausschließlich über das „Kopftuch“ geführt, das in diesem Kontext als sozial stigmatisierendes Kleidungsstück und „religiöses oder politisches Symbol“ konzeptualisiert wird. Dies führt vor allem dazu, dass jenes „Tuch“ als erkennbarer Marker einer angenommenen Gruppenzugehörigkeit, genauso eine Objektifizierung unterläuft, wie der Körper der muslimischen Frau selbst. Der muslimischen Frau wird so nicht nur das Recht abgesprochen, ihre Diskurse selbst zu definieren, sondern gleichzeitig wird auch jede ihrer persönlichen Entscheidungen politisiert. Ihre Subjektivität, ihre individuellen Erfahrungen, die mühsamen Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung, die die Biographie eines jeden Menschen prägen, werden ihr abgesprochen, denn sie und ihre vermeintlich unveränderliche Positionierung für oder gegen das Kopftuch, repräsentieren lediglich einen politisierten Objektstatus, der die öffentlichen Diskurse befeuert.

Ist die Bedeckung des weiblichen Körpers ein religiöses Gebot?

Egal ob eine muslimische Frau ein Kopftuch trägt und damit als Muslimin sichtbar in der Gesellschaft auftritt, oder ob sie sich entschieden hat aufgrund verschiedenster Motive auf das Tragen dieses Kleidungsstückes zu verzichten, ist die Bedeckung der Haare und des Körpers der Frau im Islam seit 1400 Jahren ein unumstrittenes religiöses Gebot. Das sogenannte „Rechtsgutachten“ des religiösen Rates der IGGIÖ (Februar 2017)[1], das angeblich ein „Kopftuchgebot“ der mündigen muslimischen Frau zur Folge hatte, ist weder eine Neuerung, noch eine aktuelle „Fatwa“ oder gar eine Überraschung für MuslimInnen. Es ist lediglich eine Klarstellung eines theologischen Sachverhaltes, über den so gut wie einhelliger Konsens unter allen Rechtschulen und Gelehrten herrscht-- und diese geradezu bemerkenswerte Einstimmigkeit ist in den wenigsten Angelegenheiten der Religion der Fall.

Der vielzitierte Einwand selbsternannter Islam-“expertInnen“, das Kopftuch würde in dieser Form nicht explizit im Koran erwähnt werden (die relevanten Stellen zur Bedeckung im Koran finden sich unter Sura 24:31, 33:59 und 7:26), klingt für eine islamische Theologin eigenartig. Denn es ist auch unter islamischen Laien weithin bekannt, dass der überwiegende Großteil der rechtlichen Bestimmungen, die sowohl den gottesdienstlichen (´Ibadat), als auch den weltlichen Bereich (Mu´amalat) betreffen können, nicht direkt aus dem Koran herzuleiten sind, sondern aus der Sunnah des Propheten. Dieser immense Korpus von Überlieferungen und tradierten Handlungsweisen des Propheten Muhammad gilt neben dem Koran als zweite wesentliche Rechtsquelle. Während der Koran allgemeingültige moralische Prinzipien aufstellt, sind die Details und Erläuterungen nur in der Sunnah des Propheten zu finden, der ja nicht nur der „Briefträger“ der Offenbarung war, sondern auch dessen Lehrer, Erläuterer und Interpret (siehe Sura 62:2). Aus der Sunnah sind nicht nur die detaillierten Bestimmungen betreffend der Bedeckung des weiblichen Körpers (dabei sollen Hände und Gesicht frei bleiben und das Gewand darf die Frau nicht an der Verrichtung alltäglicher Tätigkeiten und der aktiven Teilnahme an der Gesellschaft behindern) abzuleiten, sondern auch die Details zur Verrichtung des Gebets, des Fastens, oder des Spendens. Alles, was der Prophet angeordnet oder verboten hat gilt im Islam als verbindliche Handlungsweise für die Gläubigen (Sura 4:59). Dennoch steht die Hadith-Wissenschaft vor einer besonderen Herausforderung, denn es gilt die Authentizität und die korrekte Interpretation (entsprechend der Intention des Propheten) für jede einzelne Überlieferung gesondert zu prüfen, den korrekten Kontext herzustellen und die Interpretationsgeschichte kritisch zu prüfen, bevor solch eine Überlieferung als verlässliche Rechtsquelle genutzt werden kann. Dies kann nicht ohne den aktiven Einsatz der menschlichen Vernunft geschehen und einer systematischen Methode unter Anwendung korrekter epistemologischer Prinzipien. Erst wer sich viele Jahre des Studiums der verschiedenen miteinander verbundenen Zweige islamischer Wissenschaften gewidmet hat, kann auf verschiedenste aktuelle Fragestellungen auf Basis der korrekten Anwendung der Methoden und Quellen, fachlich qualifizierte Antworten finden. Diese Tradition des lebendigen Ijtihad hat zu der Entwicklung einer lebendigen und dynamischen Tradition im islamischen Fiqh (Rechtswissenschaften) geführt.

Notwendigkeit inner-islamischer Debatten

Nun hat ein gewisser selbsternannter Islam-Experte in leitender Funktion der Universität Wien diese sogenannte „Kopftuch-Fatwa“ der IGGiÖ als Anlass genommen, um eine „innerislamische Debatte“ über das aktuelle Religionsverständnis der MuslimInnen anfachen zu wollen und darüber „wie mit welchen Quellen die Religiosität der Gegenwart begründet wird“[2]. Nun denn, dieser Forderung ist prinzipiell – abgesehen von der Schwammigkeit der Formulierung -- nichts entgegenzustellen. Die „Stellungnahme“ des Herrn die darauf folgt ist aber weder konstruktiv noch erhellend, sondern zeugt lediglich von einer beinahe schon eklatanten Unwissenheit über die Grundlagen des Umganges mit der Interpretation religiöser Quellen, wie sich diese unter Muslimen seit 1400 Jahren zu einer anspruchsvollen und ausgeklügelten Methodik weiterentwickelt hat. Was mit „Quellen der Religiosität der Gegenwart“ gemeint ist, bleibt bei dieser doch recht polemischen Stellungnahme leider ebenso im Dunklen, wie die Erläuterung der religiösen Basis für „Gewalt und Unterdrückung der Selbstbestimmung des Menschen“ die der Universitätsprofessor direkt aus den religiösen Quellen ableiten will und die ominöse „isolierte Opferrolle“ die er den MuslimInnen pauschal unterstellt.

Ein inner-islamischer Dialog unter österreichischen MuslimInnen ist sicherlich notwendig, sowie es beinahe zu jeder Zeit der islamischen Geschichte üblich war, denn die Meinungsvielfalt und die hitzigen Diskussionen theologischer, philosophischer und rechtlicher Diskurse hatten über 1000 Jahre lang eine kontinuierliche geistige Dynamik in die islamische Ummah gebracht, die selbst noch in Zeiten der repressivsten Herrscherdynastien für ein reges intellektuelles Klima gesorgt hatten.

Diese Dynamik ist ein inhärentes Charakteristikum des Islam, eine Religion, in der die menschliche Vernunft stets eine besondere und erhabene Position einnahm. Die Vernunft stellt nicht nur eine Rechtsquelle dar, sondern ist die essentielle Basis, um zu religiöser Überzeugung zu gelangen und diese zu vertiefen. Die Glaubensgrundlagen des Islam muss sich ein jeder Muslim und eine jede Muslimah selbst erarbeiten. Dies ist ein lebenslanger Prozess und die Säulen der religiösen Praxis (wie das Gebet, das Fasten, das Spenden und die Pilgerreise) sollen dabei die Vernunft (al-´Aql) und das Herz (al-Qalb) des Menschen unterstützen und stärken auf dem Weg zu spiritueller Erkenntnis, innermenschlicher Balance und sozialer Gerechtigkeit.

In diesem lebenslangen intellektuellen Aneignungsprozess der Religion als Ausdruck einer individuellen und kollektiven Beziehung zu Gott liegt auch der Schlüssel der Erklärung von koranischen Versen wie „Es gibt keinen Zwang im Glauben; die Wahrheit ist bereits deutlich vom Irrtum unterscheidbar geworden“ (2:256). Es ist schließlich das Licht der Vernunft und die innere Veranlagung (al-Fitrah) des Menschen, die ihm oder ihr das Richtige vom Falschen unterscheidbar macht.

Einschränkung der Politisierung des weiblichen Körpers

In dem Maße wie der Islam den Verstand des Menschen auszeichnet, ist der Islam aber auch eine Religion, die die Reduzierung des Menschen auf seine rein äußerliche physische Erscheinung ablehnt und es dem Menschen verwehrt, sich selbst zu objektifizieren. Der Körper des Menschen wird als „Amanah“ -- als ein anvertrautes Gut—betrachtet, der sich untrennbar verbunden mit der Seele des Menschen beständig entwickelt. Ein Muslim, egal ob Mann oder Frau wird dazu angehalten sowohl mit dem eigenen Körper im höchsten Masse respektvoll umzugehen, als auch mit der Fakultät des Intellekts und der Seele. Sogar Augen, Ohren, Hände, Füße, Magen und Geschlechtsteile verfügen aus islamischer Perspektive über Rechte und dürfen nicht willkürlich missbraucht werden. Dabei neigen Frauen oft besonders dazu sich einerseits selbst über ihren Körper und ihre physischen Merkmale zu definieren und sind gleichzeitig besonders verwundbar dafür, dass ihr Körper von gesellschaftlichen Zwängen und Machtstrukturen instrumentalisiert, kolonialisiert, sexualisiert und objektifiziert wird. Kurzgesagt: Es ist nichts Neues, dass Politik über den Körper der Frau betrieben und gesellschaftliche Machtstrukturen in diesen hineingeschrieben werden. Genau solch einer Praktik sollte der Hijab der muslimischen Frau entgegenwirken. Der Hijab war nie dazu gedacht die Frau aus der öffentlichen Sphäre zu verdrängen, denn im privaten Bereich ist ja gar kein Hijab vorgesehen, sondern eben um ihr solch einen aktiven Platz in der Öffentlichkeit und volle gesellschaftliche Partizipation zu sichern, ohne dabei jedoch aufgrund körperlicher Vorzüge angreifbar oder instrumentalisierbar zu werden, bzw. Diskriminierung zu erleiden, falls ihr Körper nicht gesellschaftlichen Normen entsprechen sollte. Die Kleidung der Frau sollte sie aber in keinster Weise davon abhalten, aktiv in der Gesellschaft zu interagieren, zu arbeiten, zu lernen oder zu lehren, Freizeitbeschäftigungen nachzugehen oder an religiösen oder politischen Versammlungen teilzunehmen. Wer sich dem Studium der zahlreichen gutdokumentierten Biographien der Sahabiyyat (der weiblichen Gefährten des Propheten Muhammad (s.) widmet, dem wird diese aktive Rolle der frühen muslimischen Frauen, Gelehrtinnen und Hadithübermittlerinnen schnell bewusst.

Diskurse über die Vernunft der Frau

Unglücklicherweise begannen nach dem Ableben des Propheten verschiedene gesellschaftliche und ideologische Einflüsse das intellektuelle Klima der schnell expandierenden islamischen Welt zu beeinflussen. Einerseits wurde unter der Herrschaft der Abbassiden, die ihr Regierungszentrum in den heutigen Irak verlegten, die neugewonnene Autonomie der Frauen, die zuvor auf Basis sozio-ökonomischer Reformen des Propheten von den Frauen des Hijaz Stück für Stück errungen worden war, massiv beschnitten. Andererseits fand eine teils starke Vermengung jüdisch-christlicher Interpretation und Interpolationen mit islamischen Überlieferungen statt (beispielsweise in Bezug auf die Schöpfungsgeschichte), der die Position der Frau nachhaltig negativ beeinflussen sollte, sowie ein zunehmender Einfluss der griechischen Philosophen, welche Frauen generell als intellektuell defizitär und lediglich als halbe Menschenwesen konzeptualisiert hatten. Dieses Gedankengut beeinflusste allmählich auch die islamischen Denker. In dieser Zeit wurden auch zahlreiche prophetische Überlieferungen in höchst merkwürdiger Art und Weise ausgelegt, die den Prinzipien des Koran deutlich widersprechen. So beispielsweise der angebliche Mangel an „Verstand und Religion der Frau“—ein völlig dekontextualisierter, gegen die Intention des Propheten interpretierter Hadith, der eigentlich einen Lob des Propheten gegenüber seinen engsten Sahabiyyat ausdrücken sollte, indem er erklärte: „Ich habe noch nie jemanden gesehen, von den weniger Verantwortung in weltlichen und gottesdienstlichen Angelegenheiten Tragenden (Frauen allgemein), der fähiger wäre als ihr (Sahabiyyat des Propheten) selbst den klügsten Mann noch zu übertrumpfen.“ (überliefert in Bukhari, Ibn Majah, Tirmidhi und Muslim)[3].

Wenn wir uns der Aufarbeitung unterdrückerischer patriarchaler Strukturen widmen wollen, dann sollten wir nicht bei der Zwangsenthüllung und konsequenten Objektifizierung, Kolonialisierung und Sexualisierung des Körpers der Frau ansetzen, sondern bei der Frage, wieso Frauen im Laufe der islamischen Geschichte immer wieder ein Defizit in Bezug auf ihren Verstand unterstellt wurde, was in weiterer Folge als Rechtfertigung genutzt wurde, um Frauen und Mädchen systematisch den Zugang zu höherer Bildung, Interpretation religiöser Quellen und bestimmten öffentlichen Ämtern zu verwehren. Dieses Thema, das sich wie ein roter Faden durch die islamische Geschichte zieht verlangt dringend nach systematischer Aufarbeitung. Dieser Prozess kann aber weder fremdbestimmt werden, noch muss dieser außerhalb der klassischen Methodik der Auslegung von religiösen Quellen stattfinden.

Des Weiteren hat dieser Prozess schon längst begonnen: Nämlich überall dort, wo Mädchen und Frauen gleichberechtiger Zugang zu Bildung gewährt wird, und somit das gesellschaftliche Vorurteil, dass Männer Frauen intellektuell überlegen wären durch Tatsachen eindeutig widerlegt wird.

Ijtihad statt pseudo-theologischer Positionierungen

Was die klassische Methodik des „Ijtihad“ (der selbstständigen Auslegung von Rechtsquellen) betrifft, so scheint hier weniger ein Bedarf zu sein, die über Jahrhunderte ausgearbeiteten und weiterentwickelten Grundlagen über Bord zu werfen und die Religion von Grund auf neu zu erfinden (und zwar auf Basis aktueller gesellschaftlicher Trends und der individuellen Meinung selbsternannter Islam-Experten, sowie dies unser geehrter Universitätsprofessor vorschlägt), sondern lediglich die Notwendigkeit „Ijtihad“ als Instrument zur Vertiefung, Weiterentwicklung und Adaptierung religiöser Bedürfnisse an eine sich schnell wandelnde Welt aktiv unter den islamischen Gelehrten wiederzubeleben. Doch nicht jeder selbsternannte Experte kennt die Grundlagen zur Genüge und verfügt über tiefe Kenntnisse der Quellen des Koran, der Sunnah, der Vernunft/Logik und der Diskussionen vergangener Generationen von Gelehrten, um diese anspruchsvolle und verantwortungsvolle Tätigkeit durchführen zu können. Hier liegt es an der gegenwärtigen Generation authentische GelehrtInnen auszubilden, die über ein tiefgründiges Verständnis der islamischen Prinzipien verfügen und sich dem lebenslangen Prozess der Aneignung religiösen Wissens verschrieben haben -- und nicht nur einige pseudo-theologische Positionierungen reproduzieren.

Eine Spirale epistemischer Gewalt

Was nun die österreichische Regierung dazu beiträgt, diese zugegebenermaßen inner-islamischen Diskurse zu fördern, ist leider alles andere als konstruktiv—um es euphemistisch auszudrücken. Denn die staatlichen Maßnahmen, die muslimische Frauen nun in die westliche Leitkultur integrieren sollen, führen lediglich dazu, ihnen wiederum den Verstand abzusprechen, sie paternalistisch zu bevormunden und ihnen einen Objektstatus oder gar eine „Opferrolle“ überzustülpen.

Ihre Stimmen und ihre vielfältigen Meinungen, Erfahrungen und selbstbestimmten Diskurse werden dabei in den meisten Fällen ignoriert oder absichtlich überhört -- denn selbst wenn sie spricht, wird sie lediglich auf ihren Körper und ihre Kleidung reduziert und damit wiederum objektifiziert. Die „Andere“ verfügt scheinbar über keinen ausreichenden Intellekt, um sich selbst repräsentieren zu können, um selbst das für sie Beste und Passende wählen zu können. Es wird über sie geredet, statt mit ihr. Es wird für sie bestimmt, was ihr eigenes Wohl angeht, denn sie ist ja nicht in der Lage dies selbst herauszufinden.

Wir befinden uns hier in einer Spirale epistemischer Gewalt, die nun auch staatlich sanktioniert gegen die muslimische Frau gerichtet ist-- Eine Spirale epistemischer Gewalt, die dabei ist, völlig zu eskalieren.

Jungen muslimische Akademikerinnen, Aktivistinnen und Arbeiterinnen, die bisher von einem gleichberechtigen Bildungssystem und dem (zumindest in der Theorie) uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt in diesem Land profitieren konnten, wird nun erklärt, dass genau diese Zugänge zu Bildung und Arbeitsmarkt zukünftig für sie beschränkt werden sollen -- Außer sie sind dazu bereit die Objektifizierung und die staatliche Autorität über ihren Körper in Kauf zu nehmen.

Eine zweifelhafte „Wahlmöglichkeit“

Diese „Wahlmöglichkeit“ brachte am 4. Februar 2017 mehrere tausende muslimische und solidarische nicht-muslimische Frauen und Männer auf die Straße, um gegen die geplanten autoritären staatlichen Anordnungen zu protestieren und ihr Recht auf Selbstbestimmung lautstark einzufordern.

Rund ein Monat später, am 8. März 2017 endet nun die Begutachtungsfrist für jenen umstrittenen Gesetzesentwurf, der wohl nur den Anfang einer schrittweisen gesetzlichen Exklusion bedeckter Frauen von verschiedenen Segmenten des Arbeitsmarktes und der Öffentlichkeit symbolisiert. Gleichzeitig wird an diesem Datum weltweit auch der internationale Frauentag zelebriert, der vor allem die globale Solidarität mit Frauenanliegen und grenzenlose „Sisterhood“ ins mediale Licht der Öffentlichkeit rücken soll.

Doch am diesjährigen Internationalen Frauentag stehen wir deutlicher denn je vor der ernüchternden Realität, dass sich Frauen im 21. Jahrhundert noch immer entscheiden müssen zwischen ihrem Recht auf Verstand, Bildung und Beruf einerseits und ihrer physischen Integrität andererseits, zwischen der (u. a. auch finanziellen) Anerkennung ihres vollwertigen Intellekts und dem Kampf gegen die Objektifizierung ihres Körpers. Diese Realität betrifft dabei bei Weitem nicht nur die „Andere“ muslimische Frau, doch es ist ihr Körper der zum symbolischen Kampfplatz für diverse Stellvertreterkriege wurde, die sich in diesem Spannungsfeld abzeichnen.

 

Dr. Katrin Brezansky-Günes ist Kultur- und Sozialantropologin und Islamische Theologin in Wien.

Bild/Postimage: Copyright Katrin Brezansky-Günes/Safinah

[1] https://www.facebook.com/IGGiOe/posts/1419754268034778:0

[2] http://ceai.univie.ac.at/2017/03/06/ein-fatwa-des-iggio-mufti-zur-verhullung-im-islam/

[3] Sahih Bukhari ( Kap. No: 6: Hadith no: 301, Al-Khudri); Sunan Tirmidhi (Kap. 6, Book 40,Hadith 8, Abu Huraira); Sunan Ibn Majah (Book 36, Hadith 78, Ibn Umar); Riyad-us-Salihin (Book 20, Muslim)