Von Zaungästen, die aufwachen
22 Nov

Von Zaungästen, die aufwachen

Haben wir uns zu lange als Zaungäste wohl gefühlt? Als neutrale, unbeteiligte Beobachtende des Weltgeschehens da draußen, die sich allenfalls vom Mitgefühl zu einer Geldspende für weit entfernt scheinende Probleme animieren ließen?

Und jetzt?

Jetzt sind sie da, mitten unter uns: Flüchtlinge, in großer Zahl; rechtliche Regelungen, die untauglich geworden sind; labile Staaten, denen die ökonomische Situation an ihre Existenz geht; terroristische Bedrohungen, nicht mehr am Euphrat, Tigris oder Niger, sondern mitten in Europa; eine generelle Unsicherheit, mit der Komplexität des Heute umzugehen.

Nicht dass wir das alles nicht schon länger ahnen, ja sogar erkennen hätten können. Wir waren jedoch auf gewisse Weise äußerst multitaskingfähige Zaungäste und ignorierten mehrere Probleme gleichzeitig: Das Problem eines Wirtschaftssystems, das Schieflagen zwischen Reich und Arm, Nord und Süd erzeugt, unsere Umwelt in Mitleidenschaft zieht und Konflikte zusätzlich anheizt; das Problem der Entsolidarisierung infolge einer Ellbogen- und Wettbewerbsmentalität, die vielfach ein identitätsstiftendes gesellschaftliches Selbstverständnis zersetzt; geopolitische Hegemoniefragen, die sich in einer globalisierten Welt unverändert stellen; das Problem zu machtpolitischen Ideologien verbrämter Denk- und Religionssysteme, die marginalisierten Irregeleiteten zu gemeingefährlichen Orientierungsankern werden usw.

Und wie lautet die Reaktion von plötzlich involvierten Zaungästen, die nun aus allen Wolken gefallen sind? Wir brauchen neue Zäune! Um rasch unsere angestammte Rolle als Zaungäste wieder einnehmen zu können. Zäune gegen Menschen auf der Flucht; Zäune von Paragraphen als vermeintliche Komplexitätsreduktion; Zäune der Überwachung zur Erhöhung unserer eigenen Sicherheit; Zäune des Generalverdachts rund um (religiöse) Bevölkerungsgruppen, die wir pauschal dem Bedrohungsszenario zurechnen; Zäune rund um unsere unreflektierten Wohlstandsansprüche, um die Claims unseres Konsumverhaltens abzustecken. Am Ende wären wir eingezäunt in unserer Scheinwelt, aus der uns nicht einmal mehr die Schlauheit des aus der Äsop’schen Fabel bekannten Zaunkönigs befreien könnte?

Aber: Ist nicht auch Alternative bereits da, mitten unter uns?

Menschen, die ihre Komfortzonen verlassen, um schutzsuchenden Flüchtlingen aktiv beizustehen; Personen, die nicht Teil der extremistischen „Clash of Civilizations“-Doktrin von Fundamentalisten aller Seiten sein wollen; Initiativen, die sich dem Bemühen um Versöhnung, Verständigung und Dialog verschreiben und geduldig an einer positiven Form des Zusammenlebens werken; Leute, die ihren Lebenswandel überdenken und mit sich selbst um eine einfachere und nachhaltigere Form ihres Lebensstils ringen; Menschen, die dazu beitragen, dass eine mehr am Gemeinwohl orientierte Wirtschafts- und Gesellschaftsmentalität Platz greift. Letztlich all jene, die sich unablässig weigern, ihre Sehnsucht nach einer menschengerechteren Alternative unserer Welt zu begraben?

Denn: „Durch das Zulassen einer Sehnsucht nach einem anderen Lauf der Welt … letztlich das Visualisieren einer neuen Zukunft, bricht diese bereits an, beginnt zu reifen, ist schon wirklich unter uns da.“[1]

[1] Quelle: Wolfgang BARTSCH: „Spitzwegerich – Ein Königsweg der Sehnsucht nach Anderswie?“ (Verlag Liber Libri Wien, 2015)

Mag. Wolfgang BARTSCH; studierter Betriebswirt, im öffentlichen Dienst tätig; belletristischer Schriftsteller; ehrenamtlich engagiert im interreligiösen/-kulturellen Dialog in Wien.