Die Bosniaken und ihr Streben nach Anerkennung
28 Apr

Die Bosniaken und ihr Streben nach Anerkennung

Das Volk der Bosniaken ist neben den Albanern und den Katholiken der Herzegowina, genetisch gesehen, eines der ältesten Völker auf dem Balkan. Es hat eine lange, reichhaltige und vor allem kriegerische Geschichte hinter sich. Dennoch erleben wir heute immer noch, dass die tatsächliche Existenz der Bosniaken aus politischen Gründen geleugnet wird. Neuester Anlass dafür ist die erste Volkszählung seit der Gründung des noch sehr jungen Staates Bosnien und Herzegowina, die nun seit 1. Oktober im Gange ist und mit dem heutigen Tag (15.10.2013) endet. Doch ein Blick zurück in die Vergangenheit dieses Volkes am Westbalkan verdeutlicht die Haltlosigkeit solcher Behauptungen.

In den erhaltenen schriftlichen Quellen wird Bosnien erstmals im frühen 10. Jahrhundert vom byzantinischen Chronisten Kaiser Konstantinos VII. (regierte 913-959) erwähnt. Damals entsprach das Land dem Gebiet um Sarajevo entlang der Bosna, etwa bis Zenica und somit nur einem Fünftel seiner heutigen Größe. Doch mit dem Niedergang des byzantinischen Reiches gewann das junge Banat Bosnien schnell an Größe und Einfluss. Denn die neue ungarische Oberhoheit war mehr formell als tatsächlich existent. Um das Jahr 1200 erstreckte sich das Land unter Ban Kulin (regierte 1180-1204) bereits bis an die Save im Norden und unter dessen Nachfolger Ban Matej Ninoslav bis in die Herzegowina im Süden und Livno im Westen. Das Banat hatte damit bereits annähernd die Größe des heutigen Staates erreicht. Seine größte Ausdehnung erreichte Bosnien schließlich unter Tvrtko I. Kotromanić, der sich 1377 zum König krönen ließ. Sein Königreich reichte weit über das heutige Bosnien und Herzegowina hinaus und erschloss auch Dalmatien sowie weite Teile Serbiens und Montenegros.

Bereits in frühmittelalterlichen Quellen findet sich die Bezeichnung Bošnjani (Sg.: Bošnjanin) für die Bewohner Bosniens mit dem lateinischen Äquivalent Bosniens. Bemerkenswert ist, dass sich ein nicht unbedeutender Teil der Bošnjani in religiöser Hinsicht bereits damals sowohl vom katholischen Kroatien, welches sich Rom zugehörig fühlte, sowie vom orthodoxen Serbien, welches enge Verbindungen zu Byzanz hielt, abhob. Quellen, die von der sogenannten Bosnischen Kirche (Crkva Bosanska) berichten sind rar, weshalb nicht viel über sie bekannt ist. Tatsache ist jedoch, dass sich bis zur osmanischen Eroberung Berichte über die bosnischen Ketzer, die auch Bogumilen genannt wurden, wiederholen und sowohl die Päpste als auch die ungarischen Könige diese Häresien mit verschiedenen Mitteln bekämpften. Auch Ban Kulin und seine Ehefrau sollen sich zur Bosnischen Kirche bekannt haben, weshalb ihnen Papst Innozenz III. (1198-1216) sogar mit einem Kreuzzug seitens des ungarischen Königs drohte.

Die Osmanen, welche das Land ab 1563 schrittweise eroberten und in ihr Reich eingliederten, gebrauchten die Bezeichnung Boşnak (Pl.: Boşnaklar) für die Bewohner Bosniens, von denen, wie in keiner anderen osmanischen Provinz, mit Ausnahme von Albanien, in kürzester Zeit große Mengen zum Islam konvertierten. Die Gründe dafür sind umstritten, hängen aber gewiss auch mit den für das christliche Abendland als ketzerisch bewerteten und bekämpften religiösen Vorstellungen vieler Bosniaken zusammen. Aus dem türkischen Boşnak entwickelte sich die Eigenbezeichnung Bošnjak (Pl.: Bošnjaci), welche bis heute die indigene, muslimische Bevölkerung von Bosnien und Herzegowina sowie des Sandžak Novi Pazar und weiterer kleinerer Gemeinden in Serbien, Montenegro, dem Kosovo und Makedonien bezeichnet.

 

Die deutschsprachige Form von Bošnjaci, nämlich Bosniaken lässt sich in zahlreichen Dokumenten des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs nachweisen, das Bosnien und Herzegowina 1878 okkupierte, bis es schließlich 1908 offiziell annektiert wurde. Versuche der Habsburger, die Bezeichnung Bosniaken auf alle Bewohner Bosniens und der Herzegowina auszuweiten, um entstehende Nationalismen und die dazugehörigen Anfeindungen zu verhindern, wurden weder von den Katholiken, noch von den Orthodoxen, die sich als Kroaten und Serben verstanden, anerkannt. Auch die Bosniaken lehnten dieses Vorhaben ab, weshalb die Bezeichnung auf die Muslime des Landes beschränkt blieb. Für das österreichisch-ungarische Militär wurden in Bosnien und Herzegowina acht Infanterieregimenter sowie acht Feldjägerbataillone ausgehoben, darunter das „Bosnisch-hercegovinische Infanterie Regiment Nr. 2“, welches im Ersten Weltkrieg das meist ausgezeichnete Regiment der K.u.K. Monarchie darstellte. Es bestand zu 93% aus Bosniaken. Der Einheit zu Ehren komponierte Eduard Wagnes 1895 sogar einen Militärmarsch mit dem Titel „Die Bosniaken kommen“.


Ab1918 war Bosnien und Herzegowina Teil des Königreichs Jugoslawien. In dieser Blütezeit  des Nationalismus und Faschismus begannen serbische und kroatische Ideologen die Existenz der Bosniaken als eigenes Volk zu leugnen, um Ansprüche eines möglichst ethnisch reinen Großreiches der Serben bzw. Kroaten geltend zu machen. Die jugoslawische Monarchie trug bis 1929 den Namen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Zudem wurde Bosnien und Herzegowina in vier Verwaltungsbezirke geteilt, die jeweils Bezirken in Serbien, Kroatien oder Montenegro angegliedert wurden. Somit wurde deutlich signalisiert, dass man weder Bosnien noch die Bosniaken als Teil des neuen Staates anerkennen wollte.
Im kommunistischen Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Bosnien und Herzegowina zu einer Teilrepublik und damit in seinen traditionellen Grenzen wieder hergestellt. Jedoch betrieben die Kommunisten eine stark religionsfeindliche Politik, welche kulturelle Unterschiede im Vielvölkerstaat minimieren sollte. Bei Volkszählungen hatten Bosniaken nach wie vor lediglich die Möglichkeit sich als Serben, Kroaten oder Jugoslawen zu bezeichnen. Erst 1961 kam die Bezeichnung Muslim als ethnische Gruppe bei Volkszählungen hinzu. Auch dies wurde freilich von Gegnern eines bosniakischen Volkes uminterpretiert, und zwar im dem Sinne, dass auch die Muslime Bosniens und der Herzegowina nach wie vor Serben bzw. Kroaten seien, die schlichtweg einen anderen Glauben angenommen hätten.

Im Zuge der Kriegsgeschehnisse der 90er-Jahre und der Ausrufung des unabhängigen Staates Bosnien und Herzegowina 1992, wurde schließlich die Eigenbezeichnung Bošnjak (Bosniake) wieder verstärkt aufgegriffen um die eigene nationale und kulturelle Identität zu behaupten. Aber auch ein neuer Begriff kam hinzu: Bosanac (Pl.: Bosanci), zu deutsch Bosnier. Dieser bezeichnet jedoch lediglich eine Person mit bosnischer Staatsbürgerschaft, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Sprache und ihrer Religion.

Bei der derzeitigen Volkszählung versuchten die Gegner eines souveränen Bosnien und Herzegowina in seinen heutigen Grenzen mit den vielen vorhandenen Bezeichnungen für seine Einwohner Verwirrung zu stiften, um ein verzerrtes Ergebnis herbei zu führen. Es geht darum die Volksgruppe der Bosniaken, als größte Ethnie im Land, durch ihre Zerstreuung auf scheinbar unterschiedliche Gruppen kleiner aussehen zu lassen. Denn neben der Möglichkeit sich als Bosniake (Bošnjak) zu bezeichnen, standen auch andere Begrifflichkeiten, die auf Staatsbürgerschaft, regionale Beheimatung oder die Religion abzielen, zur Auswahl, darunter Bosnier (Bosanac), Herzegowiner (Hercegovac) und Muslim (Musliman). Sie alle bezeichnen  keine Volksgruppe, dennoch sorgen sie für Unsicherheit und Meinungsverschiedenheiten unter vielen Bosniaken, denen der Schrecken des Krieges oftmals noch immer in den Gliedern sitzt. Das heißt, die Angst vor neuen Anfeindungen ist gewiss vorhanden. Doch die Bedeutung dieser Volkszählung kann kaum überschätzt werden.

Nun gilt es das Ergebnis abzuwarten. Fest steht jedenfalls, dass das Volk der Bosniaken seine Souveränität, seine Kultur und seine Religion gewiss nur erhalten können wird, wenn es kompromisslos zu seiner Geschichte und seinen Wurzeln steht. Und die Bezeichnung Bošnjak, ist ein Symbol für diese Geschichte und Identität!

 

Abbildung 1: https://scontent-b-vie.xx.fbcdn.net/hphotos-ash4/1381722_302641879877614_1029032736_n.jpg