Muhammads Weg nach Europa
28 Apr

Muhammads Weg nach Europa

Versucht man das Bild Muhammads im Spiegel der europäischen Gedankenwelt zu erfassen, so trifft man unweigerlich auf ein Paradox. Es gibt wohl kaum eine historisch, politisch oder religiös bedeutsame Persönlichkeit, die im Abendland dermaßen verzerrt dargestellt wurde und mit solch inbrünstiger Leidenschaft verachtet und diffamiert wurde wie Muhammad — jener Prophet, durch den der Menschheit die Lehren des Islams offenbart worden sind.

Doch trotz der äußerlichen Verachtung, die im Laufe der Geschichte kontinuierlich gegenüber den „Muselmanen“ zur Schau getragen wurde, waren es gerade eben jene geistigen Größen, die die europäische Kultur des Abendlandes wohl am nachhaltigsten geprägt haben, die eine ihrer stärksten Inspirationsquellen in der Geisteswelt des Islams gefunden hatten und in Muhammad eine Person sahen, der größte Verehrung entgegengebracht werden sollte.

Während sich eine europäische Leitkultur also einerseits nach außen hin wesentlich über eine Abgrenzung und Verachtung gegenüber dem Islam definierte und islamophobe Massen hervorbrachte, so wurde die europäische Geisteswelt gleichzeitig doch maßgeblich von Menschen beeinflusst, die eine bemerkenswert islamophile Einstellung an den Tag gelegt hatten, auch wenn sie diese meist nicht offen nach außen hin zeigen konnten.

Doch auf welch unbekannten Wegen konnte sich die Kenntnis über den wahren Kern der islamischen Lehren und dessen Propheten in das allgemein islamskeptische Bewusstsein des Abendlandes einschleichen und jenen einflussreichen europäischen Denkern und Politikern als Inspiration dienen?

Wie beispielsweise gelangte der wohl größte deutsche Dichter und Universalgelehrte Johann Wolfgang Goethe Anfang des 19. Jahrhunderts dazu folgende Zeilen zu dichten: „Wenn Islam Gott ergeben heißt, im Islam leben und sterben wir alle.“ Wie kommt es, dass der einflussreiche deutsche Philosoph Immanuel Kant seine Doktorurkunde (1755) mit dem von ihm handgefertigten arabischen Schriftzug „Im Namen Allahs, des Allerbarmers des Barmherzigen“ überschrieben hat und dass vom englischen Dichter und Denker George Bernard Shaw folgendes Zitat überliefert ist: „Wir müssen den Propheten des Islam Retter der Menschheit nennen. Ich bin davon überzeugt: Würde man dem Propheten Mohammed die Diktatur über die moderne Welt gewähren, er wäre erfolgreich in der Lösung der Probleme. Und zwar in einer Art, die zugleich und dadurch Glück und Frieden bringen würde…Ich halte den Propheten Arabiens in großen Ehren und bewundere die eindringliche und zündende Diktion des Korans.“

Ein Blick zurück zu den Wurzeln der europäischen Geschichte der Neuzeit mag diese Frage zumindest ansatzweise klären können. Denn bereits im 12.-14. Jahrhundert waren den Eliten der abendländischen Gelehrten die aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzten Schriften bedeutender islamischer Denker und Wissenschaftler wie Avicenna (Ibn Sina), Averroes ( Ibn Ruschd), Al Gazel ( Al Gazzali), Rases usw. weitgehend bekannt und erweckten in ihnen jenseits der populären anti-islamischen Polemiken eine tiefe Faszination, welche ihren Geist für ein völlig neues Denken öffnen sollte. Sie fanden in diesen Schriften einen Weg, der sie aus dem Gebäude des Aberglaubens zu befreien vermochte, der ihnen die Basis systematischer und experimenteller Wissenschaften darlegen würde und der sie in das Erbe der griechischen Philosophen im Spiegel jahrhunderter langer Diskussionen islamischer Denker lehren würde. Kurz um sie fanden in diesen übersetzten Schriften den Grundstein ihrer eigenen Aufklärung.

Eine wichtige politische Figur, die den Import islamischen Gedankenguts in das Abendland aktiv gefördert hatte und selbst von diesem zutiefst fasziniert gewesen war, stellt Friedrich II, der berühmte Stauferkönig dar, der im 12-13. Jahrhundert die Titel „König von Deutschland und Sizilien“, „Kaiser des heiligen römischen Reiches“ und „König von Jerusalem“ trug.
Von Historikern wird ihm heute ein bedeutender Platz in einer Entwicklung zugewiesen, die über Renaissance und Rationalismus zu einer europäischen Moderne führen sollte, so dass er unter anderem als der „erste moderne Mensch auf dem Thron“ bezeichnet wurde.

Seine Zeitgenossen gaben ihm den Spitznamen „stupor mundi“ („Das Staunen der Welt“), worin insbesondere die Verblüffung der Beobachter über Friedrichs bemerkenswerte Persönlichkeit, sein temperamentvollen Eigensinn und seine aus christlicher Sicht unorthodoxe, schier nicht zu bremsende Wissbegierde und Liebe zur Vernunft zum Ausdruck kam. Er beherrschte mehrere Sprachen, darunter auch fließend arabisch, scharrte Gelehrte, Wissenschaftler und Künstler and seinem Hofe mit denen er über Logik, Philosophie, Mathematik und Medizin diskutierte und vertrat eine dermaßen offen zur Schau getragene religiöse Toleranz, dass er bald die Feindschaft des Papstes und der kirchlichen Würdenträger auf sich zog, die ihn in einem Propagandafeldzug gar als „Anti- Christ“ diffamierten.

Friedrich, der gegenüber dem Papst zu Kreuzzügen verpflichtet war, verschob diese mehrere Male und nahm schließlich, anstatt zu kämpfen, diplomatische Kontakte mit dem Sultan von Kairo auf, was zu einem schnellen Friedensvertrag führte, der ihn ohne Blutvergießen den Titel des Königs von Jerusalem einbrachte. Wie berichtet wird, soll bei seiner Ankunft in Jerusalem der Muezzin des Sultans angewiesen worden sein, aus Respekt vor dem christlichen König den morgendliche Gebetsruf auszusetzen, woraufhin sich Friedrich mit den Worten „Ich habe in Jerusalem übernachtet, um dem Gebetsruf der Muslime und ihrem Lob Gottes zu lauschen.“ beschwert haben soll. Hintergrund dieser emotionalen Nähe, die Friedrich offenbar gegenüber dem Islam gehegt hatte war seine Kindheit in Sizilien, während der er mit Muslimen aufgewachsen und teilweise von muslimischen Lehrern unterrichtet worden war, deren Einstellung zu wissenschaftlicher Neugierde, rationaler Argumentation und religiöser Toleranz ihn schon früh fasziniert und geprägt hatte. Friedrich als Förderer und Liebhaber der Wissenschaft und Kunst soll über eine große Privatsammlung an Büchern, Manuskripten und Erfindungen aus der islamischen Welt verfügt haben, die nach seinem Tod in den Besitz der Kirche übergegangen war und von dieser zunächst unter hermetischem Verschluss gehalten wurde. Doch wahrscheinlich waren es Wiederentdeckungen jener Manuskripte und Schriften die spätere Renaissance- Genies in Italien wie Leonardo Da Vinci, Galileo Galilee oder Dante Aligheri inspiriert und beflügelt hatten, so dass Gottfried Herder, der große deutsche Universalgelehrte des 18. Jahrhunderts sicherlich nicht zu Unrecht die „Araber als die Lehrer Europas“ bezeichnet hatte. Und auch Bertrand Russell schrieb im 20. Jahrhundert über das Verhältnis der europäischen mittelalterlichen Geisteswelt gegenüber der islamischen jener Zeit: „ Unser Gebrauch des Wortes Mittelalter markiert unsere unangemessene Aufmerksamkeit gegenüber Westeuropa. Von Indien bis Spanien florierte die strahlendste Kultur des Islam. Was der Christenheit heute verloren geht, ist unserer Kultur nur dank dem Islam nicht verlorengegangen.”

Im Klima der Herrschaft Friedrich II entwickelten auch die bedeutendsten christlichen Mystiker wie Albertus Magnus und sein Schüler Thomas von Aquin ihre Lehren. Thomas von Aquin, der ebenfalls in Sizilien aufgewachsen war, war bestens vertraut mit den islamischen Lehren, er beherrschte Arabisch fließen, kannte den Koran zu Teilen auswendig und studierte die Werke von Al-Ghazali und Ibn Arabi. Um 1300 in Paris begann auch Meister Eckhardt sich in die mystischen Lehren dieser beiden großen islamischen Meister zu vertiefen und stieg durch deren Gedanken inspiriert selbst zu einem der größten Mystiker des Abendlandes auf.

Auch Franz von Assissis mystische Reformierung christlicher Lehren dürfte stark von den maurischen Sufi-Orden inspiriert gewesen sein mit denen er während seiner jugendlichen Reisen in Marokko und Spanien in Berührung gekommen sein dürfte, und worauf sowohl das Armutsgelöbnis seiner Bruderschaft, die einfache Wollkleidung, als auch die tiefe mystische Beziehung zur Natur in den Lehren Assissis Hinweise gibt.

Im Bereich der Ursprünge abendländischer Literatur und Dichtung ist besonders auf den arabischen Einfluß auf das Werk des italienischen Dichters Dante Aligheri hinzuweisen. Auch er dürfte bestens mit Ibn Arabis Werken vertraut gewesen sein, dem er sogar einen Ehrenplatz in seinem eigenen literarischen Werk zugewiesen hatte. Bei Dantes Göttlicher Komödie“ aus dem 14. Jahrhundert, das bis heute als eines der Hauptwerke der Weltliteratur angesehen wird, handelt es sich um eine direkte strukturelle und inhaltliche Übernahme des „Kitab al- Miʻradsch“ das zu dieser Zeit bereits in altfranzösisch und lateinischer Sprache vorlag und einen detaillierten Bericht der mystischen Himmelsreise des Propheten Muhammad und dessen Schau der Hölle und des Paradieses umfasste.
Dass Dante dem Propheten Muhammad, der im Original die höchsten Sphären der göttlichen Nähe erreicht hatte in der „Göttlichen Komödie“ einen Platz im vierten Kreis der Hölle zuweist, spiegelt nicht nur die Haltung der europäischen Massen gegenüber dem Propheten des Islam wieder, sondern weist auch darauf hin das Dantes Werk wohl eher als eine Art christliche Persiflage auf die Miʻradsch des Propheten zu werten ist, denn als originelles literarisches Werk.

Mit der Publikation einer Übersetzung von „1001 Nacht“ im Abendland des 18. Jahrhunderts wurde ein weiterer wesentlicher literarischer Impuls gesetzt, die Imagination der Europäer bezüglich der „Welt der Muselmanen“ zu beflügeln. War die Mittelalterliche Vorstellung noch überwiegend vom Morgenland als „Heimstätte des Anti-Christen“ geprägt gewesen, so eröffnete sich für die Europäer der Oberschicht nun eine exotische Märchenwelt, die Maler und Dichter gleichermaßen in ihren Bann zog.

Der durchschnittliche europäische Geist, dem die Türen zur Welt mystischer Erkenntnis aufgrund seiner tiefen Ignoranz verschlossen geblieben waren, erkannten darin freilich ebenso wenig wie Dante bei seiner Lektüre der prophetischen Himmelsreise den allegorischen Gehalt dieser „Märchen“, die in Wahrheit nicht weniger als eine Einführung in die mystischen Weisheiten der Derwische und Sufis waren, sowie 1000 und 1 auf die symbolische Anzahl der Novizentage und- Nächte der Initiierten in die Lehren der Derwische verwies.

Ebenso wenig begriffen viele der durch solche Werke inspirierten abendländischen Dichter, dass es sich bei den Worten des Koran, die von vielen ihrer poetischen Struktur wegen bewundert wurden, nicht um das dichterische Wort Muhammads handelte, sondern um authentische Wortoffenbarungen Gottes. So wurde Muhammad bei aller Verehrung, doch zumeist als Dichter, als Inspirierter, oder als Genie dargestellt und nicht als Prophet Gottes. Diese Einstellung wiederum erlaubte eine freizügige Befassung mit dem Leben und Werk des Propheten, ohne der Gefahr zu laufen, diese als authentische Offenbarung in Konkurrenz zur christlichen Lehre in Betracht ziehen zu müssen. Ein Beispiel für eine solche Darstellung Muhammads als Dichter und allzumenschliche Kreatur, der es an „echten“ Wundern mangelte, ist beispielsweise in Voltaires Drama „Mahomet der Prophet“ aus dem 18. Jahrhundert zu finden.

Doch andere Dichter wie Goethe oder Rainer Maria Rilke gingen hier noch einen wesentlichen Schritt weiter. Sie ließen sich nicht nur von Form und Exotismen inspirieren, sondern witterten tiefere Wahrheiten in den Lehren des Koran und die Möglichkeit eines mystisch-individuellen Zuganges zum ewigen und einzigen Gott, der ihnen durch die christlichen Lehren verwehrt geblieben war.

So schrieb beispielsweise Rilke in einem seiner Briefe aus dem maurischen Spanien:

„Ich bin seit Cordoba von einer beinahe rabiaten Antichristlichkeit, ich lese den Koran, er nimmt mir, stellenweise, eine Stimme an, in der ich so mit aller Kraft drinnen bin, wie der Wind in der Orgel. (…) Mohammed war auf alle Fälle der Nächste, wie ein Fluss durch ein Urgebirge, bricht er sich durch zu dem einen Gott, mit dem sich so großartig reden läßt jeden Morgen, ohne das Telephon Christus, in das fortwährend hineingerufen wird: Holla, wer dort? und niemand antwortet. (…) das Christentum, dachte man unwillkürlich, schneidet Gott ständig an wie eine schöne Torte, Allah aber ist ganz, Allah ist heil.“

Und auch Goethe war in den letzten Jahren seines Lebens derartig fasziniert von den Lehren Muhammads und des Koran, dass er in einer handschriftlichen Einleitung zu seinem West-östlichen Diwan schrieb: „der Autor wisse selbst nicht, ob er eine Muselman sei, oder nicht.“
Goethe hatte die Werke großer islamischer Dichter wie Hafis, Rumi, Saadi oder Dschami durch die Übersetzungen des österreichischen Orientalisten Josef Hammer-Purgstall kennengelernt und sich daraufhin auch eingehend mit dem Koran selbst beschäftigt, über den er schrieb:

„Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Darnach frag’ ich nicht!
Daß er das Buch der Bücher sei
Glaub’ ich aus Mosleminen-Pflicht.“

Sowohl Rilke, als auch Goethe sahen im Islam keine Häresie, sondern lediglich eine Art Erweiterung oder Vervollständigung der christlichen Lehren und betrachteten Muhammad demnach auch nicht als Dichter, sondern als ein Prophet der Einheit Gottes.
So dichtete Goethe über Muhammad:

„Jesus fühlte rein und dachte
Nur den Einen Gott im Stillen;
Wer ihn selbst zum Gotte machte
kränkte seinen heil’gen Willen.
Und so muß das Rechte scheinen
Was auch Mahomet gelungen;
Nur durch den Begriff des Einen
Hat er alle Welt bezwungen.“

Rilke schien sich Anfang des 20. Jahrhunderts noch weitaus mehr als Goethe mit dem intensiven Studium islamischer Quellen auseinandergesetzt zu haben, was sich in seiner dichterischen Darstellung über die erste Offenbarung Muhammads widerspiegelt:

„Da aber als in sein Versteck der Hohe,
sofort Erkennbare: der Engel, trat,
aufrecht, der lautere und lichterlohe:
da tat er allen Anspruch ab und bat

bleiben zu dürfen der von seinen Reisen
innen verwirrte Kaufmann, der er war;
er hatte nie gelesen – und nun gar
ein solches Wort, zu viel für einen Weisen.

Der Engel aber, herrisch, wies und wies
ihm, was geschrieben stand auf seinem Blatte,
und gab nicht nach und wollte wieder: Lies.

Da las er: so, dass sich der Engel bog.
Und war schon einer, der gelesen hatte
und konnte und gehorchte und vollzog.“

“Und einmal habe ich den Koran zu lesen versucht, ich bin nicht weit gekommen, aber so viel verstand ich, da ist wieder so ein mächtiger Zeigefinger, und Gott steht am Ende seiner Richtung, in seinem ewigen Aufgang begriffen, in einem Osten, der nie alle wird. Christus hat sicher dasselbe gewollt. Zeigen.”

Vor allem über die Auseinandersetzung mit Goethes West-Östlichem Diwan entdeckten auch weitere deutsche Dichter wie Heinrich Heine oder Hugo von Hofmannsthal die islamische Mystik und die großen persischen Dichter, die diese hervorgebracht hatte.

Doch das Schicksal dieser Dichter und Gelehrten war, dass, obwohl sie in diesen Lehren tiefe Geheimnisse und Wahrheiten verortet sahen, ihnen der Zugang zum echten Erleben dieses „Stirb und Werde“ der islamischen Mystiker-Kollegen verwehrt blieb. Die Form der Worte und die hingebungsvolle Liebe an den Einen mochte sie fasziniert und inspiriert haben und eine tiefere Sehnsucht in ihnen geweckt haben, doch die Erfüllung konnten sie nicht finden, denn die Lehrmeister und die Wege, denen die islamischen Mystiker gefolgt waren, waren in Europa unbekannt geblieben.

So schrieb im 20. Jahrhundert, der unter anderem auch in Deutschland ausgebildete geistige Gründervater Pakistans Sir Muhammad Iqbal in seinem Javid Nameh, das er als Antwort auf Goethes West-Östlichen Diwan verfasst hatte, betreffend des Schicksals des großen deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche:

„Schlimm ist es bestellt um den nach Ekstase Ringenden geboren in Europa!
Er war Hallaj, der ein Fremder war in seiner eigenen Stadt;
Es gab niemanden in Europa, der den Weg kannte
Niemanden, der dem Reisenden, die Straße zeigen konnte.
„Kein“ und „Außer“ sind die Stationen des Selbst.
Er verblieb verharrend im „Kein“ und konnte doch das „Außer“ nicht erreichen.
Denn er war ein Unbekannter gegenüber der Station „Seiner Dienerschaft“
Ach, hätte er doch in Ahmads Zeit gelebt.
So dass er ewige Glückseligkeit gefunden hätte!“

Solcherlei Kommentare lassen die Frage offen, ob nicht die Religion Muhammads, wäre sie im Abendland nicht durch und durch verzerrt und höchst exotisiert dargelegt worden vielen der großen und tragischen Dichter und Denker des Abendlandes zur Erfüllung einer tiefen Sehnsucht verholfen hätte.

Der berühmte auto-destruktive Dichter Arthur Rimbaud besipielsweise, der bekannt war für seine Alkoholexzesse und der bereits mit 19 Jahren sein dichterisches Werk vollendet hatte, ging nach Abessinien ins Exil wo er schrieb:

„Sie ist wiedergefunden.
Wer? Die Ewigkeit.“

Es heißt, dass sich Rimbaud kurz vor seinem Lebensende in Jemen öffentlich zum Islam bekannte und mit den Worten „Allah karim“(„Gott ist großmütig“) friedlich verstarb.

In seinen „persischen Briefen“ läßt Montesquieu der berühmte Geschichtsphilosoph der Aufklärung zwei Perser das Abendland besuchen und in Briefform ihre erstaunlichen Beobachtungen über das fremde Europa ausdrücken. Diese Möglichkeit der Projektion des eigenen durch die Blicke des Anderen ermöglicht ihm Gedanken auszudrücken, die er wohl auf direktem Wege nicht hätte vermitteln können. So beschreibt Montesquieu beispielsweise seine Bewunderung für die Erkenntniswege der morgenländischen Mystiker und Derwische und gibt zu, dass die abendländischen Philosophen „ nicht den Gipfel der morgenländischen Weisheit erreicht haben“. Über das Schicksal der abendländischen von der mystischen Schau und prophetischen Weisheit abgeschnittenen Denker schreibt er: „Sie haben sich nicht bis zum Throne des Lichts emporgeschwungen; sie haben weder die unaussprechlichen Worte gehört, welche in den Chören der Engel widerhallen, noch das furchtbare Nahen einer gottestrunkenen Begeisterung verspürt — aber, sich selbst überlassen, der heiligen Wunder beraubt, folgen sie schweigend den Spuren der menschlichen Vernunft.“

Die Vernunft dient also aus dieser Sichtweise heraus als verzweifeltes letztes Ressort, welches allein dem Menschen bleibt, der von göttlicher Offenbarung und unmittelbar erfahrener Weisheit abgeschnitten wurde. Doch dass die Vernunft alleine nicht ausreicht um „sich zum Throne des Lichts emporzuschwingen“, haben die meisten abendländischen Philosophen und Denker wohl instinktiv gespürt und sich sehnsuchtsvoll an die Meister der Illumination des Orients gewandt.

Durch die Sprache der Fremden erlaubt sich Montesquieu weiters seine Bewunderung für die heilige Schrift der Muslime, den Koran auszudrücken, dem er den Vorzug über den gesamten Kanon der abendländischen Philosophie einräumt. So schreibt er: „Hätte ein Mann Gottes die Werke dieser Philosophen mit hohen, erhabenen Worten geschmückt und mit kühnen Bildern, geheimnisreichen Allegorien untermischt, so hätte er vielleicht ein schönes Werk geschaffen, das keinem nachsteht, außer dem Koran.“

Charakteristisch für jene von Sehnsucht nach Wahrheit zerrissenen Dichter und Denker, die sich vor allem zu den mystischen Lehren des Islams hingezogen gefühlt hatten, war eine auffallend anti-christliche Haltung, die oft leichtfertig oder voreilig als eine Art Atheismus, Nihilismus oder gar Pantheismus interpretiert wurde. Doch interessanterweise entwickelte sich oft gerade aus solch einer Geisteshaltung eine islamophile Neugierde, die den Reiz des exotischen Fremden streckenweise auch zu überwinden vermochte und in den Lehren Muhammads etwas tief Vertrautes erkannte, welches Leben und Erkenntnis bejaht und den Forschergeist anregt, anstatt Grenzen zu setzen und zu beschränken.

So bemerkte beispielsweise Friedrich Hegel, der sich unter anderem mit der Dichtung Jalal-ed-Din Rumis auseinandergesetzt hatten in seiner „Vorlesungen zur Ästhetik“:

„Indem sich nämlich der Dichter im Muhammedismus das Göttliche in Allem zu erblicken sehnt und es wirklicht erblickt, gibt er nun auch sein eigenes Selbst dagegen auf. Dadurch erwächst ihm jene heitre Innigkeit, jenes freies Glück dessen, der sich bei der Lossagung von der eigenen Partikularität durchweg in das Ewige und Absolute versenkt, und in Allem das Bild und die Gegenwart des Göttlichen erkennt.“

Selbst der Aufklärungsdichter Gotthold Ephraim Lessing, der Verfasser von „Nathan der Weise“ und seiner berühmten Ringparabel soll hat den islamischen Propheten „Mahomet“ als einen „ungleich größeren und würdigeren Mann als Christus“ bezeichnet haben.
Und Albert Camus, der französischen Dichter, Philosoph und Nobelpreisträger des 20. Jahrhunderts, der für seine nihilistisch- existentialistischen Lehren bekannt war, dichtete:

„Djemila, Gleichnis und sichtbare Lehre, dass
überall nur Geduld und Liebe uns bis ans
klopfende Herz der Welt gelangen läßt.“

Doch nicht nur der mystische Zugang und der tiefe Monotheismus faszinierten die Abendländer an den Lehren Muhammads. Für die Staatsmänner und Politiker des Abendlandes waren es vor allem die klaren Gesetze des Koran, die soziale Ordnung, Gerechtigkeit und Frieden versprachen, die mit Bewunderung betrachtet wurden.

Napoleon Bonaparte beispielsweise sah in den islamischen Lehren und ihren deutlichen Gesetzen das Potential für eine ideale Herrschaft. So bezeichnete Napoleon den islamischen Propheten als „den höchsten Streiter des Herzens“ und „den größten Kämpfer der Religionen“, der die Enthüllung der Existenz Gottes nicht nur „zugunsten einer Nation, wie Moses oder zugunsten der römischen Welt, wie Jesus, sondern für den ganzen alten Kontinent dargelegt hatte“. So schrieb er: „Ich hoffe, die Zeit ist nicht mehr weit, wo ich fähig sein werde, alle weisen und gebildeten Männer aller Länder unter einem einheitlichen Regime unter den Prinzipien des Korans, der allein die Menschheit ihrem Glücke zuzuführen vermag, zu vereinen.“

Auch der deutsche Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck war mit den islamischen Lehren bestens vertraut. In einen Brief schrieb er: „Ich habe alle himmlischen Bücher, die in den verschiedensten Zeitabschnitten, wie man behauptet, von Gott der Menschheit zur Leitung herabgeschickt worden sind, sorgfältig untersucht. Durch die Verfälschungen konnte ich die Weisheit, die ich suchte, nirgendwo finden. Diese Gesetze sind zu weit entfernt, das Glück der Menschheit zu sichern. Aber der Koran der Mohammedaner ist frei von diesen erschwerenden Geboten. Ich habe den Koran von jeder Seite auf jeden Punkt hin sorgfältig untersucht. In jedem seiner Worte habe ich eine große Weisheit gefunden. Daß man behauptet, dieses Buch sei von Mohammed geschrieben und das Erscheinen eines solchen Wunders könne von einem vollkommenen Gehirn gekommen sein, bedeutet, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen.“

Was die europäischen Denker faszinierte und sie zu den Lehren Muhammads hinzog war scheinbar sowohl die rationale Basis, die Wissbegierde und Forschergeist aktiv unterstützt sich aber nicht in dieser erschöpfte, wie die abendländische Aufklärung, sondern eben nur als Fundament dazu dienen sollte, um den Menschen auf die mystische Reise abheben zu lassen, die ihn schließlich im Innersten bewegt und die tiefsten Sehnsüchte des menschlichen Geistes und seiner Seele anzusprechen vermag.

So haben viele dieser großen europäischen Gelehrten in ihrem Streben nach Wahrheit und Erleuchtung vielleicht sehnsuchtsvoll auf eine Persönlichkeit wie Muhammad gewartet, der ihnen womöglich den Weg der Vereinbarung zwischen deutlichen Gesetzen und individueller Freiheit und zwischen rationaler Vernunft und mystischem Entflammen weisen hätte können.

So schrieb der schottische Essayist, Philosoph und Historiker Thomas Carlyle Mitte des 19. Jahrhunderts:

„Dieser Mann Muhammed und dieses Jahrhundert — ist es nicht, als ob ein Funke gefallen wäre, ein Funke auf die Welt, die aus schwarzem Sand zu bestehen schien; aber oh, der Sand birgt explosives Pulver, das himmelhoch von Delhi bis Granada lodert. Ich sagte, dass ein großer Mann immer wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam; der Rest der Menschheit erwartet ihn wie Brennstoff — auf dass er sie entzünde und entflamme…“

Der Weg Muhammads nach Europa war von Anfang an von künstlich geschürtenVorurteilen geprägt. Dennoch fanden viele der größten Denker der europäischen Geistesgeschichte ihren Weg zu ihm. Welchen Weg die europäischen Gelehrten der Gegenwart einschlagen werden, wird nicht nur an der Qualität ihrer Geister liegen, sondern vor allem auch an jener ihrer Herzen.

 

Buchtipp zu diesem Thema:

Stefan Makowski: Allahs Diener in Europa: Denker und Dichter im Dialog mit dem Islam.
1997, Benzinger Verlag: Zürich, Düsseldorf