Ramadan - Monat der Barmherzigkeit
29 Apr

Ramadan - Monat der Barmherzigkeit

„O Leute, von Gott ist der Monat Ramadan mit göttlichen Gnaden und Segnungen gekommen. Dies ist der Monat, der nach Ansicht Gottes der beste aller Monate ist.
Seine Tage sind die besten unter den Tagen.
Seine Nächte sind die besten unter den Nächten.
Seine Stunden sind die besten unter den Stunden.“ (Prophet Muhammad)

Der Monat Ramadan wird als Monat Gottes bezeichnet; in ihm liegt auch jene Nacht der Bestimmung, in der der heilige Qur´an in seiner Gesamtheit auf das Herz des Propheten herabgesandt wurde. Dieser Monat und diese Nacht im speziellen gelten als besondere Zeiten der Barmherzigkeit Gottes, in der die Tore zur Anbetung und Vergebung weit offen stehen und die Annäherung an Gott besonders leicht gemacht wird.

Bedeutung des Wortes „Ramadan“

Das Wort „Ramadan“ ist abgeleitet von der Wurzel „ramadha“ (رمض ) was soviel bedeutet wie „Hitze“ und „Ruhelosigkeit“. Damit wird einerseits die Härte dieses Monats angedeutet und die Ruhelosigkeit, die jemand der Hunger und Durst leidet, empfindet, aber auch die Eigenschaft jenes Monats angedeutet „Sünden zu verbrennen, wie das Feuer Holz verbrennt.“ Der Monat Ramadan gilt als der Monat der göttlichen Barmherzigkeit gegenüber den Gläubigen, in der die Tore zur Vergebung weit offenstehen.

„Das Fasten (im Ramadan) verbrennt die Sünden und Fehler wie das Feuer das Holz verbrennt.“ Prophet Muhammad

Aber es ist dies auch der vortrefflichste Monat im Jahr, der die beste Gelegenheit zur Selbsterziehung bereitstellt. Während für manche das Fasten in diesem Monat nichts anderes bedeutet, als die Leere im Magen zu spüren, so stellt dies für andere eine unbezahlbare Lehre dar, die einen die eigenen Grenzen und Schwächen bewusst macht, aber gleichzeitig auch lehrt, diese zu überwinden, mit Hilfe der göttlichen Gnade und Barmherzigkeit.

Bedeutung des Wortes „Sawm“ (Fasten)

Das Wort „siyam“ oder „sawm“ stammt von der Wurzel „Sama“ ab, was so viel bedeutet wie „auferlegen“ bzw. „etwas von jemandem verlangen“. Das Wort „Sa´im“ bedeutet sowohl „fastender Mensch“ als auch „gut dressiertes Pferd“, was in der trockenen Gegend Arabiens u.a. auch bedeutete ein Pferd daran zu gewöhnen über lange Strecken Hunger und Durst zu ertragen. Darin liegt auch der Schlüssel zum islamischen Verständnis des Fastens, wobei es in erster Linie darum geht, die Triebseele des Menschen zu erziehen und zu kontrollieren, damit sie gehorcht wie ein „gut dressiertes Pferd“. Von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang bewusst Hunger und Durst zu ertragen stellt demnach in erster Linie eine spirituelle Übung dar, welche die Triebseele erziehen soll und verfolgt nicht vordergründig einen asketischen oder medizinischen Nutzen, welcher den Körper auszehren oder belasten soll. Ein weiterer Hinweis darauf, dass es sich nicht lediglich um physisches Fasten handelt, ist, dass das islamische Fasten vor allem auch eine Beherrschung und Kontrolle von Gefühlen wie Wut, Zorn oder Gereiztheit, aber auch eine Kontrolle der Zunge und aller Sinnesorgane beinhalten sollte um als wirkliches Fasten  zu gelten. D.h. es handelt sich dabei um eine ganzheitliche Übung in Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle und nicht lediglich um ein asketisches erleiden von Hunger und Durst oder einen Verzicht auf Nahrung.

Wirkliches Fasten bewirkt eine Bewusstseinsveränderung und eine Läuterung der Seele. Dabei öffnet der Verzicht dem Menschen Tore zu wesentlich wertvolleren Gaben. Die Wahrnehmung wird geschärft, der spirituelle Sinn für Gebet und Gottesdienst vertieft, die Mitmenschlichkeit  und das Mitgefühl wird sensibilisiert und das Gefühl der Dankbarkeit für selbstverständlich empfundene Güter geweckt.

Weiters ist es wesentlich festzuhalten, dass obwohl das Fasten ein verpflichtendes Gebot für alle Gläubigen ist, es entsprechend der Kapazität und der Fähigkeit der Menschen Ausnahmen gibt, so für Leute, die krank sind, altersschwach, auf Reisen, sowie für Schwangere und Stillende Frauen, die nur in dem Masse fasten dürfen, in dem es ihrer Gesundheit nicht schadet. (vgl .Sura Baqara, Vers 184)

Monat der Herrlichkeit

Dieser Monat gilt als besonders wertvoll für die innere und äußere Entwicklung des Menschen und seine Beziehung zu Gott. Der Monat gilt als voll von besonderen göttlichen Segnungen und Gaben für die Gläubigen und seine Stunden, Tage und Nächte, als die besten Stunden des Jahres. Es ist der Monat der Gastfreundlichkeit Gottes, in dem jeder Atemzug eines Gläubigen, ja selbst sein Schlaf, als Gottesdienst gilt.

Monat der Einheit Gottes

Das Fasten stärkt nicht nur das Streben der Seele Richtung göttlicher Einheit und drängt alle materiellen Sorgen in den Hintergrund, sondern stärkt auch das Bewusstsein für die einheitliche Richtung, in die alle Gläubigen der Gemeinschaft gemeinsam streben. Alle Muslime weltweit befinden sich in diesem Monat in einer außergewöhnlichen einheitlichen Situation und machen eine gemeinsame körperliche und spirituelle Erfahrung durch, was den Sinn für die Gemeinschaft und Einheit der Gläubigen unglaublich schärft. Mit dem Fasten unterwerfen die Muslime ihre Triebseele und verschiedenen Neigungen einem einheitlichen Ziel: der Zufriedenheit Gottes.

Monat der Verantwortung

Der Monat Ramadan gilt als Monat der Verantwortung gegenüber Gott, seinen Mitmenschen und allen anderen Geschöpfen. Unsere Verantwortung für soziale Gerechtigkeit und die Not der Mitmenschen zu lindern wird uns deutlicher bewusst und die Tatsache, dass das Glück und Wohlergehen des Einzelnen nicht vom Wohlergehen der gesamten Gesellschaft zu trennen ist.

Monat der Selbsterziehung

Es ist auch der Monat der Selbsterziehung und der Kontrolle und Unterwerfung der Triebseele. Wichtig ist, dass das Fasten freiwillig ausgeübt wird, d.h. unter vollem  Bewusstsein und dem Einsatz der Vernunft. Selbst wenn Essen und Trinken in unmittelbarer Nähe zur Verfügung stehen, entscheidet sich der Mensch mit seinem freien Willen dagegen, die Mittel zu sich zu nehmen, um sein Verlangen zu stillen. Somit erzieht er seine Triebseele und stärkt seine Vernunft und seinen Willen. Er tut dies aus freiwilligem Gehorsam gegenüber Gottes Geboten und um die Zufriedenheit Gottes zu erlangen, welche in allen Belangen seines Lebens, das höchste Ziel sein sollte

Monat der Reue

Weiters gilt der Ramadan als Monat der Reue (arab. „at-Taubah“) womit die Abkehr von Sünden und schlechten Verhaltensweisen und Angewohnheiten gemeint ist bzw. die Rückkehr zum geraden Weg göttlicher Zufriedenheit. Die Sensibilität des Menschen für sündhaftes Verhalten wird durch seinen Hunger und Durst geschärft, das Bedauern über sündhaftes Verhalten und schlechte Angewohnheiten vertieft und somit die Bedingungen für echte Reue begünstigt. Wahre Reue hat freilich viele Stufen, aber der Ramadan erleichtert den Entschluss, die ersten Schritte zur Reue, sowie den Prozess der  Läuterung ungemein.

Monat der Vervollkommnung

Der Ramadan ist das Monat der Vervollkommnung der göttlichen Gnaden für den Menschen, aber auch der Monat der Vervollkommnung des Menschen selbst, in dem er sich leicht seines wahren Zieles und seiner Kapazität bewusst werden kann und ihm die Mittel zur Läuterung und die Methoden zur Selbsterziehung und zur Vervollkommnung seines Wesens deutlich gemacht werden.

Monat der Befreiung

Schließlich gilt dieser Monat als Monat der Befreiung des Menschen von seinen materiellen Fesseln und Begierden, die ihn vom Gottesdienst ablenken und sogar ins Verderben stürzen können. Der Mensch wird in einem gewissen Maße auch von alltäglichen Handlungen wie dem Kochen, einkaufen, und eben den Mahlzeiten befreit und hat so mehr Zeit zur Verfügung, sich spirituellen Handlungen oder dem Studium und der Rezitation des hl. Koran zu widmen. Das Fasten befreit den Menschen dadurch von äußeren Fesseln, aber auch von inneren Fesseln der Triebe und der Ignoranz und schärft den Sinn für das Wesentliche. Das Fasten fördert darüber hinaus die enge Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer, denn das Fasten ist ausschließlich für Gott und niemand steht in dieser Hinsicht zwischen Gott und seinem Diener. Das Fasten hat freilich viele Stufen, je nach dem Grad der Beziehung eines Fastenden zu Gott. Auf tieferen Ebenen umfasst das Fasten einen Verzicht auf jegliche schlechte Gedanken oder gar einen Verzicht auf jeden Gedanken und jede Absicht, die nicht rein auf Gott gerichtet ist. Das Fasten soll den Menschen von schlechten Gewohnheiten befreien und den Menschen als ein wahrhaft freies Geschöpf aus diesem Monat entlassen.

 

 

Quelle: Der Monat der Barmherzigkeit - Fasten und Beten im Ramadan, IZH 2004