Tod und Leben 1.Teil: Das Saatfeld des Diesseits
29 Apr

Tod und Leben 1.Teil: Das Saatfeld des Diesseits

Tod und Leben sind Teilabschnitte einer einzigen andauernden Wirklichkeit. Sie beide sind Stufen einer Existenz. Während oftmals der Tod als eine Form des Nicht-Seins betrachtet wird, so gilt der Zustand des Todes aus Sicht der islamischen Philosophie und Theologie, genauso wie der Zustand des Lebens, als eine Form des Seins, die auf das Engste mit dem Zustand des Lebens verbunden und auf vielfältige Art und Weise mit diesem verknüpft ist. Beide Zustände besitzen demnach existenziellen Charakter und werden als positiv und gut betrachtet. Wesentlich für den Menschen ist aber, dass dieser die Beziehung zwischen diesen beiden existentiellen Zuständen richtig begreift und sein Leben und sein aktives Handeln dementsprechend ausrichtet und plant. Nur so kann dieser in Folge sowohl vom Leben als auch vom Tod in der besten Art und Weise profitieren und in beiden Zuständen Glückseligkeit und Zufriedenheit findet.

Nur einem Mensch, der im vollen Bewusstsein der eigentlichen Bedeutung dieser beiden existentiellen Zustände lebt und stirbt, wird es gelingen in seinem Leben unabhängig und frei auf seinen eigenen Beinen zu stehen, die Gegenwart maximal zu nutzen und seine Zukunft zu sichern. Ein solcher Mensch, der dieses existentielle Verhältnis begriffen hat, das seiner Substanz zu Grunde liegt, wird seine Handlungen im Leben am Prinzip der göttlichen Selbstliebe[1] orientieren und gleichzeitig vor dem Prinzip der teuflischen verwirrten Selbstliebe gefeit sein. Denn jemand, der sich selbst und die Prinzipien, die dessen Existenz bestimmen, erkannt hat, wird sich davor hüten, seinem Wesen Taten beizumessen, die seiner Vollkommenheit und seinem Streben nach Wohlergehen im Leben und im Tod schaden würden. Daraus ergibt sich dann auch, dass er nicht nur auf seinen oberflächlichen, auf das diesseitige Leben beschränkten Vorteil bedacht sein wird und im Streben danach seiner Umwelt Schaden zufügt. Denn solch ein Mensch hat begriffen, dass anderen Wesen zu ihrem Nutzen und Vorteil zu verhelfen, in Wirklichkeit nur dazu beiträgt, von ihm selbst Schaden abzuwenden, in der diesseitigen sowie in der jenseitigen Existenz. So heißt es im Qur´an:

„Gott hat die Himmel und die Erde zu Recht erschaffen und jede Seele wird, ohne dass ihr das geringste Unrecht geschähe, schließlich den Lohn für ein jedes Tun, erhalten.“[2]

Das richtige Verhältnis zwischen Diesseits und Jenseits zu verstehen und dem Tode häufig zu gedenken wirkt sich demnach positiv auf das diesseitige Leben aus, sowie auf dessen Konsequenzen in der jenseitigen Existenz. Aus islamischer Sich ist dieses Gedenken  unter anderem eine wesentliche Methode um das Begehen von Fehlern und Sünden zu vermeiden. Diese Methode, die der Qur´an „das Gedenken der Stätte des Jenseits“ („Dhikr-dar-al-akhira“) nennt, wirkt demnach befreiend und erlösend auf den Menschen und hilft diesem die wahren Annehmlichkeiten des Diesseits und des Jenseits zu erkennen und zu nutzen. Diese Methode gilt auch als ein besonderes Geschenk bzw. eine besondere Gabe, mit der Gott seine auserwählten Propheten bedacht hat.[3]

Diese Methode hat in der islamischen Welt zu einer Vielfalt an Spekulationen, Nachforschungen und Interpretationen über die Beziehung zwischen Leben und Tod geführt. Die wichtigsten Ergebnisse aus diesen Diskussionen sollen nun im Folgenden zusammengefasst werden. Zunächst werden wir uns versuchen einem richtigen Verständnis des Diesseits und einer daraus resultierenden sinnvollen Lebensplanung anzunähern. Anschließend werden wir die Natur der Reise ins Jenseits erkunden, sowie uns diese durch die prophetischen Quellen überliefert wurde.

Das Saatfeld des Diesseits

„Fürchtet Allah, ihr Diener Allahs, eilt eurer Frist (des Lebens) mit euren (guten) Taten entgegen und erwerbt euch das, was euch bleibt, mit dem Vergänglichen, was von euch kommt. Rüstet euch für die Reise, denn ihr werdet getrieben, und bereitet euch auf den Tod vor, der schon seine Schatten über euch geworfen hat. Seid ein Volk, das aufwacht, wenn es gerufen wird, und das verstanden hat, dass diese Welt nicht die Heimstätte für sie ist und sie es darum eingetauscht haben (für das Jenseits).(…) Jeder Moment verkürzt das Leben, jede Stunde zerstört es, und es muss als kurz von Dauer bewertet werden.“[4]

Die Beziehung zwischen Diesseits und Jenseits

Einem Menschen, der durch die Methode des häufigen „Gedenkens an die Stätte des Jenseits“ sich selbst und das Verhältnis der unterschiedlichen Existenzstufen zueinander erkannt hat, werden sich nach und nach immer mehr Ebenen der Existenz und der äußeren und inneren Ordnung der Welt offenbaren. Ihm wird es gelingen, die materielle Oberfläche der diesseitigen Welt zu durchdringen und darunter Wegzeichen und Symbole zu erkennen, die ihm ein immer tieferes Verständnis über die wirkliche Natur des materiellen und immateriellen Kosmos ermöglichen werden. Diese Einsichten wiederum führen zu einer Veränderung seines Verhaltens, zu immer mehr Selbsterkenntnis und Selbstvertrauen und lassen ihn schließlich immer deutlicher das Prinzip der allumfassenden Liebe wahrnehmen, welches alle Existenzstufen wie ein deutliches Licht durchdringt.

So sagte Imam Ali über die diesseitige Welt:

„Wer sie durchschaut, dem gewährt sie Einblick, wer aber zu ihr hinschaut, den macht sie blind.“[5]

Um nun zu einem richtigen Verständnis über die Beziehung zwischen Diesseits und Jenseits der menschlichen Existenz, sowie zwischen Leben und Tod zu gelangen, ist es hilfreich einige prophetische Überlieferung und koranischen Verse zu betrachten, die deutliche Hinweise über diese Beziehung liefern.

So heißt es in einer Überlieferung des Propheten Muhammad (s.a.a.s.):

„Handle für dein Diesseits, als lebest du ewiglich und handle für dein Jenseits, als stürbest du morgen.“

Dieser Hadith weist auf eine Lebensweise hin, die das „Diesseits als Saatfeld des Jenseits“ begreift und den Menschen folglich dazu anhält, weder das Diesseits noch das Jenseits zu vernachlässigen. Was der Mensch nicht aufgrund eigener Anstrengungen in diesem Leben kultiviert hat, dass wird er im jenseitigen Lebensabschnitt auch nicht ernten können. So heißt es im heiligen Qur´an:

„Nichts wird dem Menschen zuteil werden, worum er nicht gerungen hat.“[6]

 „Wer im Diesseits blind ist, der ist auch im Jenseits blind und noch weiter abgeirrt.[7]

Wer im diesseitigen Leben nicht gelernt hat zu sehen und die Realität der Existenz zu begreifen, der wird auch im Jenseits blind herumirren und nichts Anderes feststellen, als dass er seine kostbare Lebenszeit unwiederbringlich vergeudet hat. Das Jenseits dieser Seelen wird von tiefem Bedauern und anhaltender Reue gekennzeichnet sein.

Im Qur´an werden ihre Worte folgendermaßen beschrieben:

„Bis das zu einem von ihnen der Tod kommt und er sagt: »Mein Herr! Bring mich zurück, damit ich Rechtes tue in dem, was ich verlassen habe.« Nein, Keineswegs! Es ist nur ein Wort, das er ausspricht. Und hinter ihnen ist eine Scheidewand bis zu dem Tage, da sie auferweckt werden.“[8]

Doch der Zustand der Existenz, der mit dem Tod erreicht wurde, ist nicht wieder umkehrbar. Zwischen Tod und Leben ist eine deutliche Trennwand, die keine Rückkehr erlaubt. Die Zeit, die dem Menschen bleibt, um sein Saatfeld zu bestellen ist kurz und kostbar. Umso eindringlicher haben uns die Propheten und die einsichtigen Gottesfreunde unermüdlich gewarnt, diese Zeit der Handlung zu nützen, damit wir nicht mit den Bereuenden sein werden.

So warnte Imam Ali (a.s.) seine Zeitgenossen in einer seiner Ansprachen über den Zustand dieser Menschen:

„Sie können ihren guten Taten nichts hinzufügen, noch Allahs Barmherzigkeit für ihre schlechten Taten erflehen. Deswegen, wer immer sein Herz mit Gottesehrfurcht fühlen lässt, tritt mit guten Taten hervor und seine Taten sind erfolgreich. So eilt zu guten Taten und arbeitet für das Paradies, so gut ihr könnt: Denn das Diesseits ist nicht als dauerhafter Aufenthalt für euch erschaffen worden, sondern es wurde vielmehr als ein Übergangsweg erschaffen, damit ihr euch bis zum Reich der Ewigkeit mit guten Taten ausstattet. So beeilt euch damit und bereitet euch auf die Abreise vor.“[9]

Wer die Bedeutung des Lebens und des Todes aber verstanden hat, der wird nicht nur sehend durch das Leben gehen und eine feste Orientierung finden. Sein Leben wird auch von Aktivität und Tatkraft geprägt sein, er wird Einfluss auf die Ereignisse nehmen, die ihn umgeben, wird diese richtig bewerten können und auf eine Art und Weise handeln, die ihm in allen Welten Zufriedenheit und Erfolg sichert.


...

[1] Das Prinzip der „göttlichen Selbstliebe“ ergibt sich aus der berühmten prophetischen Überlieferung „Wer sich selbst erkannt hat, der hat seinen Herrn erkannt.“, welche impliziert „Wer sich selbst liebt, liebt seinen Herrn.“

[2] Sure 45, Vers 21

[3] Sure 38, Vers 45-46

[4] Imam Ali, Nahjul Balagha, Predigt 64

[5] Imam Ali, Nahjul Balagha, Predigt 82

[6] Sura 52, Vers 39

[7] Sura 17, Vers 72 und Vers 75

[8] Sura 23, Vers 99-100

[9] Nahjul Balagha, Ansprache 132

Abbildung 1: http://www.bankoboev.ru/images/MzY0NzE5/Bankoboev.Ru_kolosya_na_zaseyannom_pole.jpg