Tod und Leben 2.Teil: Richtige Lebensplanung
29 Apr

Tod und Leben 2.Teil: Richtige Lebensplanung

Drei Gruppen von Menschen

Unter den Menschen sind zwei Auffassungen über die Beziehung zwischen Leben und Tod, zwischen diesseitiger und jenseitiger Existenz, weit verbreitet.

Die erste Gruppe, die sich dabei häufig auf eine missverstandene Interpretation der prophetischen Offenbarungen stützt, verschmäht das Diesseits zu Gunsten des Jenseits. Für sie ist das diesseitige Leben ein Ort der Laster und der Sünde, ein Ort der Qual und der Erbärmlichkeit. Doch es kümmert sie nicht und sie bemühen sich auch nicht darum diesen Zustand oder die Umstände ihrer Umwelt zu verändern, da für sie das Diesseits eine vergängliche Illusion darstellt, die keinerlei Bestand oder Wert besitzt. Sie nehmen Verarmung, Mittellosigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung tatenlos hin und vertrösten sich und ihre Anhänger auf die Erlösung und Glückseligkeit, die nach dem Tod folgen wird. Solch eine Einstellung wurde beispielsweise im missbrauchten Namen des Christentums instrumentalisiert um Sklavenaufstände in Amerika und der Karibik zu verhindern, indem den verschleppten, unterdrückten, zwangschristianisierten Sklaven eingeredet wurde, dass „der Himmel unter der Erde“ auf sie warten würde und dass ihr still erduldetes Leiden nach ihrem Tod belohnt werden würde.

Aber auch verschiedene asketische Praktiken in unterschiedlichsten Kulturen und Religionen lehnen ein Leben im Diesseits ab um sich ausschließlich dem Jenseits zu widmen. Sie nehmen am Leben der Gesellschaft weder Teil, um ihren Lebensunterhalt durch ehrliche Arbeit zu verdienen, noch setzten sie sich sozial, politisch oder intellektuell mit den Problemen ihrer Umgebung auseinander, im Bemühen in dieser Welt positiv zu wirken und ihre Verantwortung in ihr wahrzunehmen.

Diese Gruppe ist blind für das Diesseits und erkennt weder die Zeichen, noch die Möglichkeiten, die sich in ihr offenbaren und deren Erkennen einen wesentlichen Einfluss auf die Gestaltung ihres Jenseits haben würde.

Die zweite Gruppe opfert ihr Jenseits für ihr Diesseits. Diese Menschen sind der Auffassung, dass das Jenseits entweder gar nicht existiert und mit dem Tod die Nicht-Existenz eintritt oder sie berücksichtigen das Jenseits nicht, weil sie Unkenntnis darüber haben oder nicht verstehen in welcher Beziehung ihr Leben vor und nach dem Tod zueinander stehen.

Wenn das Jenseits im Denken und Handeln dieser Menschen aber keine weitere Rolle spielt, so ergibt sich daraus, dass diese Gruppe annimmt, dass die Konsequenzen all ihrer Taten einzig auf das materielle Diesseits beschränkt bleiben. Es mag also unangenehm sein, in dieser Welt z.B. durch ein Gericht oder durch die Meinung der Mitmenschen für gewisse Taten verurteilt zu werden, doch solange man sich dabei nicht erwischen lässt, schändliche Handlungen im Verborgenen tut oder ein Meister der Betrügerei und Heuchelei ist, hat man dieser Auffassung nach wohl wenig zu befürchten.

Umgekehrt sind aber auch die Früchte guter Handlungen auf ihre diesseitige Erscheinungsform beschränkt. Viele Menschen handeln mit guten Absichten, ihrem moralischen Instinkt folgend, doch sie werden oftmals schnell enttäuscht werden, wenn niemand diese Taten bemerkt oder belohnt und ihre Ausdauer und Anstrengungen werden nicht lange währen. Da das Diesseits in keiner Weise durch vollkommene Gerechtigkeit geprägt ist, muss es zwangsläufig sogar so erscheinen, als würden diese Menschen für ihre aufrichtigen und guten Handlungen fortwährend bestraft werden und müssten dafür leiden, während gewissenslose Menschen zu diesseitiger Macht, Reichtum und Ansehen gelangen. Selbst für einen Menschen, dessen moralische Instinkte sehr ausgeprägt sind, führt diese Situation früher oder später zu großer Frustration und weckt in vielen den Gedanken daran, in Gott einen ungerechten Herrscher zu sehen, der die Diener des Guten fortwährend leiden lässt, während er die Diener des Schlechten und Verwerflichen zu einem angenehmen, genüsslichen Diesseits verhilft.

In Wahrheit verderben sich sowohl die Menschen der ersten, als auch der zweiten Gruppe ihr Diesseits und ihr Jenseits gleichermaßen, sie finden weder vor noch nach dem Tod Zufriedenheit, Ruhe und Glückseligkeit. Denn da sie die Beziehung zwischen der Existenz im Diesseits und im Jenseits nicht richtig verstehen und bewerten können, orientieren sie sich auch in Bezug auf ihre Lebensplanung nach irrigen Maßstäben und „Wer in dieser blind ward, der ist blind in jener und abgeirrten Weges.“[1]

Die Frage nach dem Lebensziel

Um nun zu einer richtigen Kenntnis der Bedeutung der verschiedenen Abschnitte der Existenz und in Folge zu einer sinnvollen Lebensplanung und -gestaltung zu gelangen, muss sich der Mensch zunächst aufrichtig der Frage nach seinem Lebensziel widmen.

Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang zunächst stellt, ist ob jeder Mensch sich ein individuelles Lebensziel selbst zurechtlegen kann, da kein allgemeines Ziel für die Existenz des Menschen vorab bestimmt ist. Vertreter dieser Meinung sind oftmals Menschen, die die Existenz eines Schöpfers leugnen oder für die diese Vorstellung irrelevant ist. Sie glauben daran, dass ihre Existenz reiner Zufall ist und, dass es daher jedem Menschen selbst obliegt, wie er sein Leben gestaltet, woran er glauben will und welche Ziele er für sein Leben setzen will. Egal für welche Richtung oder Meinung er sich dabei entscheidet, seiner Annahme nach, beschränken sich die Konsequenzen seiner Handlungen rein auf seine materielle diesseitige Existenz.

Vertreter einer anderen extremen Auffassung sehen dem entgegen das Leben, das Ziel und das Jenseits des Menschen als bereits vorherbestimmt. Eine höhere Macht hat mit der Schöpfung des Menschen, dessen Schicksal, Leben und Tod bereits festgesetzt und der Mensch hat keine Möglichkeit aufgrund seiner Handlungen oder seines freien Willens dieses Schicksal abzuwenden oder zu ändern.

Folgen wir jedoch der Auffassung, die uns die Propheten aller Zeitalter versucht haben in Bezug auf Lebensziel und Lebensplanung darzulegen, so finden wir in deren Botschaft, eine bemerkenswerte Ausgewogenheit und eine vernünftige Balance wieder. So gilt es einerseits zu berücksichtigen, dass der Mensch als Geschöpf eines allwissenden und gütigen Gottes mit einer Bestimmung und einem Ziel geschaffen wurde, das tief in seiner Wesenheit verankert liegt. Dieses universelle Ziel verbindet alle Menschen existentiell miteinander, egal unter welchen Umständen jeder Einzelne lebt, woran er glaubt und wie er sein Leben gestaltet.

„Wir haben den Himmel und die Erde und was zwischen diesen beiden liegt, nicht umsonst geschaffen.“[2]

„Wir haben den Himmel und die Erde und alles, was zwischen ihnen ist, nicht zur Spielerei, sondern nur aufgrund von Recht und Gerechtigkeit und aufgrund von Weisheit erschaffen. Aber die meisten wissen das nicht.“ [3]

Doch auf der individuellen Ebene wird es deutlich, dass jeder Mensch mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Begabungen ausgestattet ist, unter kaum miteinander vergleichbaren Umständen in verschiedenen Gesellschaften und Kulturen lebt und seine ganz persönlichen Prüfungen und Schicksalsschläge erlebt. Wesentlich für den Einzelnen ist es, zu erkennen worin sein Vermögen und seine Möglichkeiten liegen und worin seine Grenzen und sein Rahmen, um sich dem universellen Lebensziel anzunähern und dieses zu verwirklichen.

So ermahnte Imam Ali (a.s.) die Menschen mit den Worten:

„Gott erbarme sich dem, der sein Vermögen kennt und seinen Rahmen nicht überschreitet.“[4]

Nur wer sich selbst, seine Stärken und Schwächen, seine Talente und Möglichkeiten gut kennen gelernt hat, die gesellschaftlichen Umstände und Bedürfnisse seiner Zeit und seiner Umgebung vernünftig einschätzen kann und ebenso die Kapazitäten und Grenzen seiner Mitmenschen richtig versteht, kann sich realistische Ziele im Leben stecken und einen Plan entwerfen, wie diese zu erreichen sind.

Geduld und Standhaftigkeit

Eine weitere unabdingbare Vorraussetzung für Erfolg im Leben und im Tod ist dabei Geduld, Standhaftigkeit und Ausdauer. Erfolg kann nur schrittweise errungen werden, verlangt viele Opfer und benötigt klare Visionen und anhaltende Bemühungen.

Dies fällt dem Menschen oft besonders schwer, da dieser, wie Gott im Qur´an über sein Geschöpf sagt „aus Übereilung geschaffen ist“. Der Mensch will die Ergebnisse seiner Arbeit und Mühen sofort sehen. Dadurch handelt er oftmals unüberlegt, ungeduldig und übereilt und zerstört so viele seiner Chancen und die Ernte, der bis dahin gesäten Frucht.

Deswegen haben die Propheten und Imame unermüdlich auf den Wert und die Notwendigkeit der Geduld und Standhaftigkeit hingewiesen, welche eine der wichtigsten Zutaten für eine erfolgreiche Lebensgestaltung darstellen.

So wies beispielsweise Imam Ali (a.s.) seine Anhänger an mehreren Gelegenheiten auf die essentielle Beziehung zwischen Geduld, Standhaftigkeit und Erfolg hin:

„Wer das Pferd der Geduld besteigt, wird bestimmt zum Felde des Erfolges geleitet werden.“

„Einem standhaften, geduldigen Menschen bleibt niemals der Sieg versagt, auch wenn er sich erst nach langer Zeit einstellt.“

„Suchet Hilfe in Aufrichtigkeit und Standhaftigkeit, denn nach Standhaftigkeit wird euch der Sieg zu teil werden.“

Um diese Tatsache als wesentlichen Faktor der positiven Entwicklung des Menschen zu identifizieren, muss man nicht erst das Leben der Propheten, der großen Heiligen oder der Weltverbesserer unserer Zeiten studieren. Es reicht schon aus, ein Kleinkind dabei zu beobachten, mit welch unermüdlicher Geduld es gehen und sprechen lernt. Wie oft es hinfällt und sich doch immer und immer wieder aufrafft, um sich schließlich aufrecht mit beiden Beinen sicher über die Erde bewegen zu können. Diesen Prozess, den wir alle im Kindesalter so selbstverständlich und willig durchmachen, sollte mit zunehmendem Bewusstsein und Selbstkontrolle in ein automatisiertes Verhalten der Selbstüberwindung und Standhaftigkeit übergehen, welches es uns ermöglicht in unserem Leben Freude bei der scheinbar mühsamen und beschwerlichen Überwindung von Hürden zu erleben, denen wir im Streben nach unseren Zielen und Wünschen begegnen werden. In dieser Freude durch eigenes Bemühen und harte Anstrengungen schließlich ein bestimmtes Ziel zu erreichen, liegt der Grund für positiven Stolz, Stärkung des Selbstvertrauens und der Hoffnung, sowie das Gefühl der Freiheit für den Menschen begründet. Denn nur wenn der Mensch durch eigene aufrichtige Anstrengungen das erstrebte Ziel erreicht, kann er den eigentlichen Wert seiner göttlichen Freiheit begreifen.

Die Entscheidung seine Talente und Möglichkeiten zu nutzen oder zu ignorieren, die Entscheidung durchzuhalten oder aufzugeben, die Entscheidung hoffnungslos zu werden oder an seinen Zielen festzuhalten wird dem Menschen erst bewusst, wenn er vor diesen Entscheidungen steht und rückblickend stolz feststellen kann, dass seine Entscheidungen ihn schließlich zur Erlangung seines Ziels geführt haben. Und doch weiß ein wahrhaft gläubiger Mensch, wer ihm diese Freiheiten gewährt hat und wer ihm letztendlich den Weg gezeigt hat, der ihn zur Erfüllung seiner Wünsche und Ziele geführt hat. So wird ihn das Erreichen seiner Ziele nicht überheblich, arrogant oder gar größenwahnsinnig machen, sondern ihn mit Erkenntnis, Dankbarkeit und Demut erfüllen und ihn auf seinem Lebensweg weiter vorantreiben.

Kooperation statt Konkurrenz

Ein weiterer wichtiger Grundsatz, der zur Lebensplanung und dem Erkennen individueller Lebensziele notwendig ist, ist die Berücksichtigung der engen Beziehung, in der unser Leben zum Leben unserer Mitmenschen steht. Ein vernünftiger Mensch wird so schnell erkennen, dass das Prinzip der Kooperation die Menschen im diesseitigen und im jenseitigen Leben immer weiter gebracht hat, als das Prinzip der Konkurrenz. Hätte sich beispielsweise die Heilkunst und Medizin entwickeln können, hätte der Mensch seine Schwachen und Kranken einfach zurückgelassen? Der Prophet Muhammad hat dieses Gefühl der Gemeinsamkeit in einer Metapher verdeutlicht, in der er die Menschen als Glieder eines Körpers bezeichnet, der als Ganzes leidet, wenn auch nur eines seiner Glieder Schmerzen hat.

Daraus folgt, dass ein Mensch sich für den anderen wünschen sollte, was er für sich selbst wünscht. Und all das von einem anderen abzuwenden suchen sollte, was er für sich selbst abzuwenden wünscht. So sagte der Prophet (s.a.a.s.)

„Keiner von euch ist gläubig, bis er für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst wünscht.“[5]

Wenn wir der Botschaft der Propheten Gehör schenken, so werden wir darüber hinaus erkennen, dass im Interesse der Mitmenschen zu handeln und eigene egoistische Bedürfnisse zurückzustecken ein wesentliches spirituelles Prinzip ist, dass den Menschen zu Glückseligkeit und zur Erfüllung seiner wahren Bedürfnisse im Diesseits und im Jenseits führt. Je mehr dieses Prinzip der Sorge um und Liebe zum Nächsten in unseren Handlungen umgesetzt wird, desto stärker wird auch das Bewusstsein um die Einheit und existentielle Verbundenheit aller Menschen und Lebewesen untereinander werden. Welcher Mensch kann schon aus vollen Zügen sein Leben genießen, wenn seine Nachbarn im Elend leben? Und wie viel mehr Zufriedenheit schenkt es uns, wenn wir unser tägliches Brot mit einem Mitmenschen teilen, als uns alleine satt zu essen, während ein Anderer hungernd zusieht?

Anderen Menschen Gutes zu tun und dabei eigene materielle Bedürfnisse zu überwinden ist eines der wahren Bedürfnisse des Menschen und bringt uns Zufriedenheit und Glück im Leben und danach. Das ist eine einfache und einleuchtende Tatsache, die für eine realistische Lebensplanung als Grundprinzip gelten sollte, und doch fällt es uns oftmals so schwer dieses soziale und spirituelle Grundbedürfnis zu erkennen und zu erfüllen, wenn dafür oberflächliche, materielle und vergängliche Begierden überwunden werden müssen.


...

[1] Sure 17, Vers 75

[2] Sure 38, Vers 27

[3] Sure 44: 38-39

[4] vgl Shaykh Sadūq, al-Amalī, S.532, H.Nr. 9/718

[5] an-Nāwāwī 40 Hadithe, Nr.13, von Anas ibn Malik

Abbildung 1: http://www.geo.de/reisen/community/bild/117036/Der-Weg-ist-das-Ziel