Tod und Leben 3.Teil: Angst vor dem Tod
29 Apr

Tod und Leben 3.Teil: Angst vor dem Tod

Unkenntnis als Quelle der Furcht vor dem Tod

Die Furcht vor dem Tod, die die meisten Menschen, die einer modernen Weltsicht folgen, ständig quält und ihr Dasein mit Unruhe und Sorge füllt, hat ihre Quelle in einer prinzipiellen Unsicherheit und Unkenntnis in Bezug auf die Natur des Todes. Die modernen Wissenschaften, die ansonsten zur Lösung aller materiellen Probleme herangezogen werden, können über die Natur des Todes keine konkrete Aussage treffen, noch Kenntnis darüber vermitteln, was nach dem Tod eintreten wird. Doch diese Furcht vor dem Tod betrifft den Menschen nicht erst in jenem Moment, wenn dieser schließlich eintritt, sondern prägt bereits das gesamte diesseitige Leben des Menschen, seine Lebensplanung und Lebensgestaltung.

So sagte der französische Denker und Schriftsteller Victor Hugo:

„Ehrlich gesagt, wenn der Mensch glaubt, dass er nicht weiterexistiert und dass auf dieses Dasein das absolute Nichts folgt, so wird das Leben für ihn überhaupt nichts mehr wert sein.“[1]

Ein Mensch, der denkt, dass sein gesamtes Dasein auf die kurze und scheinbar belanglose Existenz im Diesseits beschränkt ist, den muss unweigerlich großer Kummer und Sorge befallen. Alles, was er besitzt, ist beschränkt auf diese unbestimmte Vergänglichkeit, in der jeder Augenblick sein Letzter sein könnte. Um diesem Kummer zu entfliehen versucht er sich ständig abzulenken und verbringt sein Leben schließlich mit geschlossenen Augen, unrealistischen Vorstellungen und der ständigen Angst sich selbst zu fragen, wohin er eigentlich geht und wozu. Wer sich selbst vom Jenseits abschneidet, der verliert auch sein Diesseits. Das Leben erscheint ihm sinnlos und die eigene Existenz und die der Mitmenschen werden wertlos, zufällig und bar jeder Bedeutung. Um das seelische Vakuum zu füllen, wendet er sich häufig immer stärker materiellen Genüssen und dem Streben nach Macht und Reichtum zu, welches ihm verspricht zumindest im diesseitigen Leben seinen brennenden Wunsch nach Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit zu stillen.

 

Schlechte Handlungen als Quelle der Furcht vor dem Tod

Doch auch Menschen, die an ein Leben nach dem Tod bewusst oder unbewusst glauben, empfinden oft große Furcht vor dem Tod, dem sie mit allen Mitteln entkommen wollen.

Dies hängt häufig mit den eigenen Taten bzw. den Untaten zusammen, von denen der Mensch instinktiv spürt, dass diese im Jenseits unangenehme Konsequenzen haben werden.

So verweist der Qur´an auf eine Gruppe von Juden, die sich selbst zwar als Freunde Gottes bezeichnen, ihre Angst vor dem Tod aber zeigt die wahre Natur ihrer Taten auf:

„Sag: Ihr, die ihr euch zur jüdischen Religion bekennt, wenn ihr glaubt, dass nur ihr die Freunde Allahs seid und nicht die anderen, so wünscht euch den Tod, wenn ihr wahrhaftig seid. Sie werden sich wegen der Taten, die sie begangen haben, niemals den Tod wünschen. Doch Allah kennt die Frevler.“[2]

 

Ein Tod vor dem Tod

Die Menschen begreifen meist nicht, wie wesentlich die richtige Vorstellung und Kenntnis über den Tod für ihr diesseitiges Leben ist. So gleicht das Leben dieser Menschen oft schon im Diesseits einer Art Tod, da sie blind und ohne wirkliches Bewusstsein durch das Leben gehen. Oft ist es erst eine plötzliche und unabwendbare Konfrontation mit dem Tod, wie beispielsweise die Diagnose einer unheilbaren Krankheit oder die Erfahrung des plötzlichen Todes naher Angehöriger, welche diese Menschen vermag wachzurütteln und ihnen oft in kurzer Zeit ermöglicht, eine Lebensqualität zu erreichen, die andere Menschen in 100 Jahren nicht erreicht hätten. Interessanterweise stellt hier die plötzliche Begegnung mit dem Tod den eigentlichen Schlüssel zur Erfahrung des wirklichen Lebens dar. Und es scheint, dass erst durch die bewusste Befassung mit dem Tod, eine Art Lebendigkeit und Wirklichkeit in unser Leben einziehen kann. Darauf wies auch der Prophet (s.a.a.s.) in einer berühmten Überlieferung hin, in der es heißt:

„Die Menschen aber schlafen, erst wenn sie sterben, dann erwachen sie.“

Glücklich kann sich jener Mensch schätzen, der durch bestimmte Ereignisse in seinem Leben, ein Bewusstsein über den Tod erlangt, welches ihn aus diesem Schlaf aufweckt, noch bevor der Tod ihn ereilt. Andere Menschen hingegen, erwachen erst mit dem Tod und müssen dann feststellen, dass sie ihr Leben lang in ihren Herzen eigentlich bereits tot waren, da sie in bitterer Ignoranz über die wahre Natur des Lebens gelebt haben.

Über diese Menschen sagt der Qur´an:

„Oh Prophet, du kannst nicht bewirken, dass die (im Herzen) toten Menschen das Wort der Wahrheit vernehmen und dass dein Ruf das Ohr dieser tauben Leute, die dir den Rücken kehren, erreicht.“[3]

Die Natur des Todes in den islamischen Quellen

Welche Sichtweise auf den Tod geben uns nun die islamischen Quellen?

Im Qur´an wird das Sterben und der Tod durch das Wort „Tawaffa“ ausgedrückt.[4]

Die Bedeutung dieses Wortes und seiner Ableitungen im Arabischen drücken wörtlich ein „Vollständigmachen“ oder „Vollständigwerden“ aus. Es handelt sich dabei also um eine Art Erfüllung von etwas zuvor Unvollständigem. „Al-Wafa“ kann aber auch bedeuten, eine ganze erworbene Sache abzugeben, bzw. vollständig abberufen zu werden. Während im Schlaf die Seele des Menschen nur zeitlich begrenzt abberufen wird, so gleicht der Tod also einer vollständigen und gänzlichen Abberufung der Seele, von der es keine Rückkehr mehr gibt. Während jeder Mensch schrittweise stirbt, sich mit jedem Atemzug unweigerlich seiner Abberufung nähert, so stellt der Tod schließlich die endgültige Phase des Übergangs von einem Zustand der Seele in einen Anderen dar. War die Seele zuvor noch an den materiellen Körper gekoppelt und durch diesen mit der Welt der Materie verbunden, so tritt mit dem Tod eine vollständige Trennung der Seele von der materiellen Welt ein.

Wie jede Phase des Überganges, die mit Unsicherheit verbunden ist, beunruhigt der Gedanke an den Tod die Menschen. Verfügt der Mensch jedoch über genügend Kenntnis über die Natur des Jenseits und hat er sein Leben realistisch geplant und im Gedanken an seine weiterführende Existenz gelebt, so wird er den Tod als eine Befreiung aus dem engen Gefängnis der Materie und zeitlichen und räumlichen Beschränktheit seiner Seele erleben. Er wird hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, in Erwartung die Früchte seiner Handlungen zu sehen und seinem Schöpfer zu begegnen, von Dem er im diesseitigen Leben so viel Gutes und Schönes empfangen durfte.

Diese Aussicht auf das Jenseits motiviert und beflügelt solch einen Menschen bereits im Diesseits und inspiriert ihn zu schönen und ehrenhaften Handlungen, erzieht ihn zu Liebe und Verantwortungsgefühl und ermöglicht ihm so ein Leben voller Taten, die wiederum sein Jenseits schmücken werden.

Imam Hadi (a.s.) sagte einst zu einem Gefährten, den er an seinem Krankenbett besuchte und den er in großer Unruhe und Sorge über seinen bevorstehenden Tod vorfand:

„O Diener Gottes, du fürchtest dich vor dem Tod, weil du ihn nicht richtig kennst. Sag mir, wie ist das? Wenn dein Körper in Schmutz getaucht und dir dieser Schmutz eine Qual ist…, wenn du mit eiternden Wunden bedeckt bist und weißt, dass ein Bad dich von alledem befreit, möchtest du dann eine Körperwaschung vornehmen und dich von dem Unrat befreien oder stößt dich das ab und du möchtest so bleiben, wie du bist? (…)

Wisse, dass der Tod dieses Reinigungsbad ist und deine letzte Chance, dich von deinen Sünden freizumachen und dich vom Schlechten rein zu waschen. Wenn dich dann der Tod umarmt, so wirst du zweifelsohne von jedem Kummer erlöst sein und zu ewiger Freude und Seligkeit gehen.“

Zu einem wesentlichen Charakteristikum der Propheten und Heiligen gehörte es, dass sie keine Angst vor dem Tod hatten, ja, dass sie gar in süßer Erwatung auf ihren Tod hin lebten, da sie über die wahre Natur des Todes und des Jenseits bescheid wussten. Sie wussten, dass der Tod für sie eine Befreiung aus einem engen und bedrückenden Zustand sein würde, hin zu einem Leben in Ewigkeit und Frieden und in der Gegenwart ihres Geliebten und Schöpfers.

Doch sie waren sich auch darüber im Klaren, dass sie nur dann in freudiger Erwartung auf ihr Jenseits blicken konnten, wenn ihre Handlungen im Diesseits im Einklang mit dem Willen ihres Herrn stehen würden. So legt der Qur´an dem Propheten folgenden Vers in den Mund:

„Sprich: „Siehe ich fürchte die Strafe eines gewaltigen Tages, wenn ich wider meinen Herrn rebelliere.“[5]

So ist das, was uns in diesem Leben vor der Sorge und der Furcht vor dem Tod bewahren kann und uns ein zufriedenes Leben im Diesseits und im Jenseits sichert, eine realistische Einschätzung der Natur und der Beziehung zwischen Leben und Tod und eine entsprechende Lebensplanung und Handlungsweise im Diesseits. Um zu Kenntnis über den Tod und das Jenseits zu gelangen reichen die Methoden der modernen Wissenschaften nicht aus. Doch unser Verstand und die einheitliche Botschaft aller Propheten bezüglich dieser Realitäten können uns weiterhelfen und uns zu aufschlussreichen Ergebnissen führen. So werden Leben und Tod schließlich als sich ergänzende Teile einer vollständigen Existenz begriffen. Der Tod stellt dabei keinen endgültigen Zustand des Nicht-Seins dar, sondern lediglich eine Übergangsphase, welche zu einer weiteren Stufe der Existenz führt: dem jenseitigen Leben, bzw. dem Leben nach dem Tod, welches wiederum aus mehreren Stufen bzw. Reisen besteht, denen sich nun der zweite Teil dieser Explorationen widmen soll.


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[1] vgl. Sayyed Musawi Lari: „Bis in alle Ewigkeit: Über Auferstehung von den Toten, Jüngstes Gericht und das Leben in der unbefristeten Zukunft.“ ,s. 15

Foundation of Islamic C.P.W., Iran, Qum, 2001 

[2] Sure 62, Vers 6-7

[3] Sure 30, Vers 52

[4] Der Wortlaut „Wafa“ wird im Qur´an 44 Mal erwähnt; In 14 Versen wird das Sterben durch den Wortlaut „Tawaffa“ ausgedrückt.

[5] Sure 6, Vers 15

Abbildung 1: http://www.jesus.ch/information/glaube/fragen_und_antworten/tod_und_jenseits/131779-november_leben_tod_und_auferstehung.html