Tod und Leben 4.Teil: Die Reise ins Jenseits
29 Apr

Tod und Leben 4.Teil: Die Reise ins Jenseits

„So eilte er suchend und erlangte Rettung, indem er vor dem Bösen floh. Er zog Nutzen, indem er gute Taten aufspeicherte, er reinigte sein Gewissen, baut sein Haus für das Jenseits, stattet sich aus mit Proviant für den Tag der Reise ins Jenseits und behält seinen Weg, den Zustand seiner Bedürfnisse und den Standpunkt seines Mangels im Blick. Er schickt Gutes voraus für die Heimstätte seines Aufenthalts im Jenseits. So seid ehrfürchtig zu Allah, ihr Diener Allahs, und behaltet im Blick, wozu euch Allah geschaffen hat, und hütet euch im äußersten Grad vor dem, vor dem Allah euch gewarnt hat. Zeigt euch dessen würdig, was Er für euch bereitet hat, im Vertrauen auf die Erfüllung Seines Versprechens und auf der Hut vor den Schrecken des Jenseits.“[1]

Aus islamischer Sicht gliedert sich die Existenz prinzipiell in fünf Abschnitte, bzw. fünf Welten:

1.)    Die Welt vor der Körperlichkeit, über die wir keine Vorstellung besitzen

2.)    Die Welt vor der Geburt im Mutterleib

3.)    Das Leben nach der Geburt im Diesseits

4.)    Die Welt des Grabes ( Al-Qabr) oder der sog. Zwischenwelt ( al-Barzakh)

5.)    Die Welt des Jenseits (Al-Akhira)

Im Folgenden sollen nun jene Abschnitte der Existenz besprochen werden, die auf den Tod im Diesseits folgen.

Die Zwischenwelt

„Und wisse, dass auf deinem Weg ein sehr schwieriger Engpass liegt. An so einem Engpass ergeht es jemandem mit leichterer Last besser als dem, der eine schwere Last mit sich trägt. Es ist besser, schnell durch diesen Engpass zu gehen. Und wisse auch, dass dich am anderen Ende des Engpasses entweder der Himmel erwartet oder die Hölle.“ (Imam Ali)

Die Welt, die für den Menschen unmittelbar nach dem Tod eine Rolle spielt wird als die Welt des Grabes, bzw. als Zwischenwelt oder Scheidewelt (al-Barzakh) bezeichnet.

Es handelt sich hierbei um ein Hindernis zwischen den Toten und den Bewohnern des Diesseits bis zur Auferstehung und um einen trennenden Zeitraum zwischen dem Eintritt ins Grab und dem Eintritt aller Seelen ins Jenseits. So spricht der Qur´an von „al Barzakh“ unter anderem in folgendem Vers:

„Erst wenn der Tod einem von ihnen naht, wird er sagen: „O mein Herr, sende mich zurück, damit ich das Gute tue, das ich unterließ.“ Keineswegs, das sind nur leere Worte, was er da spricht. Und hinter ihnen/ab hier ist eine Schranke/Zwischenwelt bis zum Tag der Auferstehung.“[2]

Die Zwischenwelt wird vor allem von islamischen Philosophen gerne auch als „´Alam al-Mithal“ bezeichnet, als „Welt der Gleichnisse“. Denn diese gleichnishafte Welt ist weder ganz materiell noch ganz abstrakt. Sie liegt zwischen dem Diesseits und dem Jenseits und spiegelt die Konsequenzen der Handlungen wieder, die der Mensch in seinem Diesseits vollbracht hat. Prinzipiell wird also die Lebensqualität im Barzakh durch die Handlungsqualität im Diesseits bestimmt. Die Position des Menschen ist in der Zwischenwelt jedoch noch nicht endgültig besiegelt, so wie es im ewigen Jenseits der Fall sein wird. Es ist dem Menschen allerdings auch nicht mehr möglich neue Handlungen oder Taten zu setzen. Die Handlungen des Menschen aus dem Diesseits fungieren in der Zwischenwelt wie eine Art Kapital, welches dieser nun zur Verfügung hat, um seine Entwicklung im Barzakh positiv oder negativ zu beeinflussen. Beispielsweise können kleinere Sünden durch gute Taten getilgt werden. Dass heißt, dass die Taten eines Menschen während seiner Lebzeit in der Zwischenwelt für ihn sichtbar und spürbar werden. Dementsprechend gestaltet sich das Leben der Menschen in dieser Welt auch sehr unterschiedlich. Es sind die eigenen Handlungen und der wahre Charakter des Menschen, welche die halbmaterielle Substanz dieser Welt nun formen. Diese kann nun entweder eine sehr schöne und angenehme Gestalt annehmen, die dem Verstorbenen einen Vorgeschmack auf das Paradies ermöglicht, oder umgekehrt einen Vorgeschmack auf die Qualen des Feuers geben. Das Barzakh wird oft auch als eine Art Fenster oder Tor zum Paradies oder zum Feuer bezeichnet, durch das wir eine Ahnung dessen bekommen werden, was uns im ewigen Jenseits bevorstehen wird. Wenn die Gesetze der materiellen Welt im Barzakh teilweise aufgehoben werden, dann werden wir bereits erahnen können, welches Schicksal wir uns letztendlich selbst erwählt haben

 

So heißt es in einer Überlieferung:

„Bei Gott! Wahrlich, das Grab ist ein Garten der Gärten des Paradieses oder aber eine Grube der Feuergruben.“[3]

Dies ist allerdings nicht so zu verstehen, dass Gott die Menschen willkürlich belohnt oder bestraft, vielmehr werden den Menschen nun die eigentliche Natur und die Konsequenzen ihrer Handlungen in der materiellen Welt bewusst, die sie aus eigener freien Entscheidung durchgeführt haben. Es ist als ob die Schleier gelüftet werden und der Mensch alle Wahrheiten und Geheimnisse sehen kann, die ihm in der materiellen Welt verborgen waren und vor denen die Propheten die Menschen aller Zeitalter gewarnt haben.

Nach dem Tod wird die Seele des Menschen vom engen Gefängnis der Körperlichkeit und den Beschränkungen von Raum und Zeit entfliehen können. Weder Krankheit und Schmerz, noch die Einflüsse des Triebwesens werden ihn stören. Die Bewegungsfreiheit und der Gesichtskreis des Menschen werden sich dermaßen erweitern, dass er überall zugegen sein kann und alles beobachten wird können. Dabei wird dem Menschen nun auch entweder schmerzlich oder erfreulich die wahre Natur seiner Handlungen bewusst werden und er wird seinen Taten begegnen, als ob diese materielle Gestalt angenommen hätten.

Schon dort werden die Menschen ihrer wahren Natur und ihrem wahren Charakter entsprechend in unterschiedlichen Rangstufen leben und über verschiedene Möglichkeiten der Lebensgestaltung in der Zwischenwelt verfügen. Während die Freunde Gottes und Seine aufrichtigen Diener nur Schönheit, Licht, Liebe und Vertrautheit empfinden werden, so werden andere Menschen dort zutiefst beschämt sein über die wahre Natur ihrer Handlungen und ihres daraus resultierenden Charakters sein und sich nichts sehnlicher wünschen als noch einmal umkehren zu dürfen. Aber das Tor der Reue hat sich mit dem Tod geschlossen und wie Gott im Qur´an mehrmals warnt, ist eine Rückkehr ausgeschlossen.[4]

Der Segen oder die Qual welche die Menschen in der Zwischenwelt erwartet, wird der Stufe ihres innersten Wesens entsprechen und davon abhängen, wie nah bzw. wie entfernt sie selbst ihrem Herrn sind.

Imam Sadiq sagte über die Lage der Gläubigen und Ungläubigen im Barzakh:

„Der rechtgläubige Mensch sucht seine Lieben und seine Familienangehörigen auf. Er sieht, was er liebt, und was ihn abstoßen würde, bleibt im verborgen. Der Gottesleugner sucht seine Lieben und Verwandten auf, während er das zu sehen bekommt, was ihm zuwider ist, und das, was er liebt, für ihn verdeckt bleibt.“[5]

Der Körper über den der Mensch in der Zwischenwelt verfügt ist nun nicht mehr der materielle Körper des Diesseits, der an Raum und Zeit gebunden ist und von dem sich die Seele mit dem Tod getrennt hat. Dennoch ist dieser neue Körper nicht vollkommen immateriell[6]. Vielmehr entspricht dieser vollkommenere Körper nun der eigentlichen Qualität der jeweiligen menschlichen Seele und ist viel stärker mit ihr verbunden, als im Diesseits. Die Erscheinungsform jenes Körpers offenbart also wiederum die wahre Natur des Charakters und der Handlungen, die die menschliche Seele im Diesseits geprägt haben.

Der Prophet sagte in diesem Zusammenhang zu einem seiner Gefährten:

„Du wirst mit einem Genossen begraben sein. Er wird mit dir begraben und lebendig sein und du wirst mit ihm begraben werden und verstorben sein. Wenn er edelmütig ist, dann wird er Edelmut über dich bringen und wenn er gemein ist, dann wird er Gemeinheit über dich bringen. Er wird nur mit dir versammelt werden und du wirst nur mit ihm erweckt werden und du wirst nur über ihn befragt werden. Darum lass ihn nicht anders als rechtschaffen sein. Denn wenn er in Ordnung kommt, dann hast du Freude an ihm. Wird er aber verdorben sein, dann wirst du nur durch ihn Verlassenheit erfahren. Und dieser Genosse ist dein Handeln!“[7]

Die Wahrnehmungen und Empfindungen im Barzakh werden intensiver und realer sein, als Alles, was wir im Diesseits empfinden, so dass das Diesseits uns rückblickend wie eine Art Schlaf oder Traum erscheinen wird. Doch auch diese Welt ist nur vorübergehend und ein weiteres Erwachen wird mit dem Tag der Auferstehung einhergehen, nachdem wir schließlich in unsere dauerhafte und ewige Heimstätte einkehren und den Zustand der wahrhaftigsten und realsten Existenz erlangen werden.

Die Stufen/Arten des Jenseits

Der Qur´an weist an mehreren Stellen auf zwei Arten des Todes und zwei Arten der Wiederauferstehung hin.

„Sie sagen: Herr! Du hast uns zweimal sterben lassen und zweimal lebendig gemacht. Wir bekennen nun unsere Schuld. Gibt es vielleicht eine Möglichkeit herauszukommen?“[8]

Der erste Tod und die damit verbundene Auferstehung bestehen im Übergang zwischen Diesseits und Zwischenwelt. Der zweite Tod findet im Barzakh statt und mündet in die Auferstehung am jüngsten Tag und in den Übergang zum vollkommen immateriellen, ewigen Jenseits, „al-akhira“.

Das arabische Wort „al-akhira“ hat drei Bedeutungen:

  1. das Ende
  2. die Andere, die Nächste
  3. die Finalität, Endgültigkeit

Das Jenseits „al-akhira“ ist die letzte der fünf Existenzstufen, die das menschliche Leben zur Vollendung führt. Es kann aber auch als die andere oder jenseitige Welt der Handlungen und Taten des Menschen gesehen werden. Die Bezeichnung „al-akhira“ wird im Qur´an 104 Mal benutzt. Der Glaube an das Jenseits stellt eine der wesentlichen und grundsätzlichen Säulen des Glaubens im Islam dar. Und wie bereits erwähnt bestimmt der Glaube an ein Jenseits ganz wesentlich die Einstellung und Lebensplanung im Diesseits und sollte der Garant für ein verantwortungsvolles bewusstes Handeln des Menschen darstellen.

Prinzipiell kann man von drei Arten des Jenseits der Handlungen des Menschen sprechen.

Die erste Art ist ein Jenseits, das bereits im Diesseits stattfindet. Jeder vernünftige Mensch, weiß aus Erfahrung, dass jede Handlung, die er begeht, unmittelbare Konsequenzen auf sein Leben im Hier und Jetzt hat. Manchmal spürt er die Konsequenzen sofort und manchmal dauert es Jahre. Doch er sollte sich diese Erfahrung zu Herzen nehmen, denn sie ist nur ein winziger Vorgeschmack darauf, was ihn nach seinem Tod erwarten wird, wenn er die vollständigen Konsequenzen seiner Taten auf allen existentiellen Ebenen erleben wird.

Die zweite Art des Jenseits beginnt direkt nach dem Tod und findet in der Zwischenwelt ihren Ausdruck. Dieses Jenseits wird auch als „kleines Jenseits“ („al-qiyamatu-l-sughra“) bezeichnet.

Die dritte Art des Jenseits ist das „große Jenseits“ („al-qiyamatu-l-kubra“) und beginnt mit dem jüngsten Tag und der zweiten Wiederauferstehung, die schließlich in die Bestimmung des ewigen Zustands des Menschen mündet.

Das göttliche System kann nun nicht als willkürliches System der Bestrafung oder Peinigung des Menschen verstanden werden, sondern soll dazu dienen, den Menschen zu verbessern, zu reformieren, zu reinigen und ihn auf den Weg seiner Vervollkommnung führen. So gibt Gott dem Menschen unzählige Chancen auf Basis seiner Vernunft, seines intuitiven Verständnisses von Gut und Böse, der einheitlichen Warnungen der göttlichen Gesandten und Propheten und der Erfahrung der unmittelbaren Konsequenzen seiner Handlungen im Diesseits, den richtigen Weg zu erkennen und auch nach Abirrungen immer wieder auf diesen zurückzukehren.

Eine zweite Chance gibt Gott den Menschen im „kleinen Jenseits“ der Zwischenwelt, wo die Menschen von ihren kleinen Sünden und Unvollkommenheiten gereinigt und reformiert werden können.

Eine dritte, wenn auch schmerzhaftere Möglichkeit gereinigt zu werden, ist der vorübergehende Eintritt in das Feuer des großen Jenseits, von dem sich der Mensch durch einen aufrichtigen Glauben an Gott dennoch letztendlich befreien kann.

Mit diesem Feuer ist freilich jedoch kein materielles Feuer mit Qualm und Rauch gemeint, das den Körper eines Menschen vernichtet. Das Jenseits ist immateriell und so muss das Gleichnis des Feuers vielmehr als ein innerer seelischer Zustand des Menschen verstanden werden, der durch die Konsequenzen seiner Handlungen vor Qual und Reue immer wieder verbrennt, solange bis dieser gereinigt und geläutert ist.

Doch der Qur´an warnt unzählige Male vor jener Gruppe von Menschen, deren Handlungen und Charaktere so verdorben sind, dass sie gar keinen Wunsch mehr verspüren gereinigt zu werden, da ihre Herzen härter als Steine geworden sind. Sie haben sich letztendlich durch ihre eigenen Handlungen dazu verdammt ewig im jenseitigen Feuer zu verweilen und darin ihre endgültige Heimstätte zu beziehen. Dieses Feuer ist nun kein reinigendes Feuer mehr, sondern es ist das Feuer der Trennung von Gott, in das sich diese Menschengruppe aus eigenem Willen begeben hat und in dem sie stur bis in alle Ewigkeit verweilen.

So muss jeder Mensch selbst und aus freien Stücken entscheiden welchen Weg er für sein Diesseits und Jenseits einschlagen will. Gott wünscht sich in Seiner Barmherzigkeit für jeden Menschen das Paradies, darin liegt auch die Bestimmung des Menschen. Doch da der Mensch mit freiem Willen ausgestattet wurde, können ihn weder Gott noch die Propheten zu seinem Glück oder zum Paradies zwingen. Gott gibt dem Menschen unzählige Warner, Zeichen und Chancen mit auf den Weg, doch was der Mensch daraus macht, ist ihm selbst überlassen und niemand außer ihm selbst wird für seine Entscheidungen zur Verantwortung gezogen.

 


...

[1] Imam Ali (a.s.), Nahjul Balagha, Predigt 83

[2] Sure 23, Vers 99-100

[3] Bihar al Anwar

[4] vgl. Sure 22, Vers 99-100; Sure 32, Vers 12; Sure 6, Vers 27

[5] Sayyed Musawi Lari: „Bis in alle Ewigkeit: Über Auferstehung von den Toten, Jüngstes Gericht und das Leben in der unbefristeten Zukunft.“ 2001, S. 201

[6] Man könnte die Substanz dieses Körpers wohl am ehesten mit einer Art feinstofflichen Lichtmaterie vergleichen, die über kein Gewicht und keine Dichte verfügt, ähnlich wie die Materie in unseren Träumen und Gedanken.

[7] Vgl. as-Sadūq, al-Hisal, Bd 1, S 114

[8] Sure 40, Vers 11; Sure 2, Vers 28

Abbildung 1: http://fc-foto.de/23626377