Tod und Leben 5.Teil: Die sichtbaren und unsichtbaren Seiten der Schöpfung
29 Apr

Tod und Leben 5.Teil: Die sichtbaren und unsichtbaren Seiten der Schöpfung

Die Schöpfung sowie das menschliche Leben werden beherrscht von sichtbaren und nicht-sichtbaren Gesetzen, welche den sichtbaren und unsichtbaren Seiten der Welt entsprechen. Der Mensch muss beide Aspekte der Schöpfung, die sichtbaren und die nicht- sichtbaren, berücksichtigen, und die entsprechenden Gesetze und Grenzen kennen, um ein erfolgreiches Leben im Diesseits und im Jenseits führen zu können. Da für den Menschen die Kenntnis und das Begreifen der nicht sichtbaren Dimensionen der Schöpfung verständlicherweise schwierig ist, hat der Qur´an die Methode angewandt, die sichtbaren und unsichtbaren Aspekte der Schöpfung miteinander zu vergleichen um diese den Menschen in Form von Gleichnissen näher zu bringen. Der Qur´an vergleicht dabei den sichtbaren, den Menschen aus dem diesseitigen Leben vertrauten Teil der Schöpfung, mit den unsichtbaren jenseitigen Aspekten der Schöpfung, bezüglich derer der diesseitige Mensch noch keine Erfahrungen gemacht hat.

Doch vielen Menschen reichen diese Gleichnisse nicht aus. Sie wollen oder können erst an etwas glauben oder es verstehen, wenn sie es selbst erlebt oder mit eigenen Augen gesehen haben. Dabei orientieren sie sich in erster Linie an ihren materiellen Sinnen, an den sichtbaren Gesetzen und an einer bestimmten Form von Masse, die für sie den Beweis der Existenz eines Dinges verkörpert. Jedoch lehrt uns auch unsere diesseitige Erfahrung, dass viele für den Menschen wesentliche Dinge wie Vernunft, Gedanken oder Liebe keine Masse haben und unsichtbar sind und dennoch deren Existenz nicht geleugnet wird. Die sichtbaren Gesetze und die Gesetze der Masse können uns für das Verständnis des Jenseits also nicht viel weiterhelfen, sehr wohl aber unsere Fähigkeit zum abstrakten logischen Denken und verschiedene Emotionen und Instinkte, die jedem Menschen innewohnen.

 

Gründe für die notwendige Existenz des Jenseits

Beispielsweise wissen wir aus Erfahrung, dass jeder Moment ein Jenseits hat. Sobald der Moment vergangen ist, tritt etwas an seiner statt ein. Und das Jenseits dieses Moments macht uns oft erst die eigentliche Bedeutung jenes Moments oder der Handlungen, die wir in diesem gesetzt haben, bewusst. Das Jenseits dieses Moments gestaltet sich daher oft wesentlich länger in unserer subjektiven Wahrnehmung als dessen Diesseits und löst in uns verschiedene Erinnerungen und Emotionen aus, wie beispielsweise Reue oder tiefes Glücksgefühl. Dieses Jenseits eines diesseitigen Moments kann uns also auch als ein kleiner Vorgeschmack darauf dienen, wie das große Jenseits, das auf das gesamte diesseitige Leben folgen wird, aussieht. In diesem Jenseits wird uns unser ganzes diesseitiges Leben wie ein einziger kurzer Augenblick erscheinen, dessen Konsequenzen uns erst im nach hinein bewusst werden und uns entweder mit tiefer Freude oder mit tiefer Reue und Bitterkeit erfüllen werden.

Ein weiterer Hinweis auf die Existenz des Jenseits kann uns unser innewohnendes Gerechtigkeitsempfinden geben. Wenn ein Mensch an einen gerechten Gott glaubt und daran, dass die Schöpfung mit Ziel und Zweck geschaffen wurde, dann ist dies Grund genug von der Notwendigkeit eines Jenseits überzeugt zu sein. Wie anders könnte ein Mensch den Gedanken sonst ertragen, dass abertausende Schwerverbrecher im Diesseits ungeschoren davon kommen, obwohl sie das Leben so vieler Unschuldiger zerstört haben? Und, dass umgekehrt so viele Unschuldige ihr Leben lang unterdrückt und gefoltert wurden ohne einen offensichtlichen weltlichen Sieg errungen zu haben? Wird diese Situation jedoch von einer jenseitigen Perspektive betrachtet, so wird deutlich, dass die wahren Konsequenzen, der wahre Sieg oder die Niederlage und die wahre und ewige Existenz erst im Jenseits zum Tragen kommen und dass dort jene Menschen im Verlust sein werden, die sich in der sichtbaren Welt als scheinbare Sieger hervorgetan haben.

So fordert Gott die Menschen im Qur´an dazu auf vernünftig über die Abrechnung und die göttliche Gerechtigkeit nachzudenken und zu urteilen:

„Meinen denn die, welche Hässliches taten und sich vergingen, dass wir sie mit denen auf gleiche Rangstufe stellen, welche an Gott glauben und gute Menschen geworden sind, so dass ihr Leben und ihr Tod völlig gleich sein werden? Wie falsch sie da urteilen! Gott hat die Himmel und die Erde zu Recht erschaffen und jede Seele wird, ohne dass ihr das geringste Unrecht geschähe, schließlich den Lohn für ein jedes Tun erhalten.“[1]

Ein weiterer Grund, an die Existenz des Jenseits zu glauben, ist die Freiheit des Menschen. Ohne Jenseits würde diese Freiheit kaum einen Sinn ergeben. Gott hat dem Menschen die freie Wahl gelassen, sich für eine bestimmte Lebensart, für gute sowie schlechte Handlungen, sowie für seinen Glauben selbst zu entscheiden. Doch Freiheit geht immer mit Verantwortung einher. Und die Konsequenzen der freien Handlungen und Entscheidungen werden erst im Jenseits deutlich und sichtbar. Obwohl Gott den Menschen den richtigen Weg deutlich vom falschen unterscheidbar gemacht hat und vor deren Konsequenzen gewarnt hat, so zwingt Er doch niemanden, den einen oder anderen Weg zu wählen. So gestaltet jeder Mensch sein Jenseits durch seine eigenen freien Entscheidungen und Handlungen.

Dem Menschen entspringt ein tiefes Bedürfnis nach Anerkennung, nach Antwort auf die von ihm gesetzten Taten, nach Gerechtigkeit und nach Ewigkeit und Unendlichkeit. Würde die menschliche Existenz mit dem Diesseits enden, so würde keines dieser Bedürfnisse je wirkliche Erfüllung finden und dies wiederum widerspricht der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes.

 

Fürsprache/ Schafaʻat

Prinzipiell ist festzuhalten, dass im Jenseits eine Person einer anderen Person weder helfen noch schaden kann. Das einzige, was im Jenseits zählt sind die Handlungen, die eine Person selbst gesetzt hat. Nur diese können einem Menschen dann helfen oder schaden. Dennoch ist das Konzept der Fürsprache für bestimmte Menschengruppen, die sich selbst im Diesseits als Juden, Christen oder Muslime bezeichnet haben, unabhängig von ihren Handlungen weit verbreitet und hat zu vielerlei falscher Vorstellungen und Verwirrung geführt und kann sich für den Menschen und seine Lebensplanung als äußerst schädlich entpuppen. Beispielsweise wenn Menschen denken, dass ihnen nur aufgrund ihrer Konfession das Paradies bereits sicher ist, ganz egal welche Handlungen sie auch setzen. Wesentlich dabei ist aber zu begreifen, dass es alleine Gott vorbehalten ist, darüber zu urteilen ob wir als gläubige Menschen gelebt haben und gestorben sind und somit im Jenseits als Muslime und Gottesdiener bezeichnet werden können, und dass wir uns dies nicht selbst zusprechen können. Der Maßstab für dieses Urteil wiederum werden unsere Handlungen sein. Gott weiß dabei nicht nur über die offensichtlichen Handlungen Bescheid sondern auch über unsere verborgenen Absichten, die im Jenseits schließlich offenbar werden.

Ein Mensch, der vorwiegend gute Handlungen mit reinen Absichten gesetzt hat und in dem Bemühen und Streben nach dem richtigen Weg gelebt hat, für den kann Fürsprache wirksam werden. Es ist jedoch nichts anderes als seine eigenen guten Taten und seine reinen Absichten, die diese Fürsprache erwirken, die dazu führen kann, dass kleine Sünden und Abirrungen getilgt werden können. Wenn nun eine heilige Person wie beispielsweise der Prophet Muhammad von Gott die Erlaubnis erhalten hat für seine wahren Anhänger Fürsprache einzulegen, dann erstreckt sich diese Möglichkeit nur auf jene wahren Gläubigen, die genug gute Handlungen vorausgeschickt haben, um ihre Verfehlungen auszugleichen. Ein bloßes Lippenbekenntnis zum Islam im Diesseits ohne die entsprechenden Handlungen wird keinem Menschen etwas nutzen, da auch der Prophet nicht die Verantwortung für die Handlungen eines anderen Menschen übernehmen kann. So weist Gott im Qur´an mehrere Male auf falsche Vorstellungen von Fürsprache hin und macht die richtigen Maßstäbe und Bedingungen für Fürsprache deutlich.

„…sie legen Fürsprache nur für denjenigen ein, dem Er zustimmt.“[2]

„Keinen Fürsprecher gibt es ohne seine Erlaubnis.“[3]

 

Die Wiederauferstehung

Aus qur´anischer Sicht findet die Wiederauferstehung des Menschen im Jenseits sowohl körperlich als auch geistig statt. Im Qur´an wird mehrmals ausdrücklich betont, dass Gott die Macht dazu hat, die einzelnen Knochen und körperlichen Bestandteile eines Menschen auch nach tausenden von Jahren wieder zusammenzusetzen, selbst wenn diese weit verstreut sein sollten und dass der Mensch mit seinem Körper vor dem jüngsten Gericht stehen wird. Selbst davon ist die Rede, dass die einzelnen Körperglieder Zeugnis über den Menschen ablegen werden. Für viele Menschen ist es einfacher an die reingeistige Wiederauferstehung zu glauben, als an eine körperliche. Doch Gott betont im Qur´an, dass es Ihm nach der ersten Schöpfung des Menschen ein Leichtes sein wird, diesen ein zweites Mal zusammenzusetzen und bringt dafür mehrere Beispiele:

„Glaubt der Mensch, dass wir nicht imstande sind, seine morschen Knochen wieder zusammenzubringen? Wahrlich, wir vermögen sogar seine Finger genau in den vorherigen Zustand zurück zu verwandeln.“[4]

„Er ist es, welcher die Schöpfung beginnt und dann, nach dem Tode und der Verstreutheit wieder in die erste Form zurückbringt und dieses Zurückkehrenlassen ist für Ihn noch leichter.“[5]

Daraus ergibt sich jedoch eine ganze Reihe von Fragen. Wie wird dieser Körper aussehen und wie kann es sein, dass der Mensch im immateriellen Jenseits über einen materiellen diesseitigen Körper verfügen kann?

Freilich kann der Wiederauferstehungskörper nicht genau dem materiellen diesseitigen Körper entsprechen, der beispielsweise auch Zeit und Raum unterworfen war. Vielmehr wird es das Konzentrat und die Substanz der körperlichen Identität des Menschen sein, die wiederauferstehen wird. Der Mensch hat in diesem Leben mit Körper und mit Geist gehandelt und deswegen wird er auch mit diesen beiden Dimensionen zur Rechenschaft gezogen und entweder belohnt oder bestraft. Doch diese körperliche Identität ist nicht mit dem diesseitigen Körper vergleichbar, da es sich um einen zeit- und raumlosen Körper handelt, der die eigentliche seelische und körperliche Identität des Menschen repräsentiert.

Manche Philosophen, wie beispielsweise Mulla Sadra Schirazi gehen davon aus, dass es letztendlich die Seele des Menschen sein wird, die diese spezielle körperliche Materie des jenseitigen Körpers selbst hervorbringen wird. Während die Seele im Diesseits noch schwach war und sich in starker Abhängigkeit von der Materie befand, so wird die Seele im Jenseits fähig sein, selbst eine bestimmte Form von jenseitiger Materie hervorzubringen, welche einen Körper entsprechend ihrer Qualität und Eigenschaften produzieren kann.

 

Zusammenfassung über die Natur des Jenseits

Zusammenfassend lässt sich nun sagen, dass das Verhältnis zwischen Diesseits und Jenseits, dem Verhältnis zwischen Prolog und Hauptteil der Existenz entspricht, wobei der Prolog jedoch als ausschlaggebend für die Entwicklungen der Handlung des Hauptteils zu betrachten ist. Das bedeutet, dass die Art und Weise unseres Hauptlebens im Jenseits in vollkommener Abhängigkeit zu unserer Gestaltung der Welten davor steht. Wer kein Wissen über diese Verhältnisse und Realitäten besitzt, dem wird auch jeglicher vernünftiger Maßstab fehlen, um das eigene Leben im Diesseits dementsprechend sinnvoll zu gestalten, so dass er ihm Jenseits von seinen diesseitigen Handlungen profitieren kann. Jeder Mensch hat so die Freiheit, sein Diesseits und sein Jenseits selbst zu gestalten. Es ist irrig zu glauben, dass wir nur in den Handlungen im Diesseits frei wären und im späteren Leben der willkürlichen Strafe Gottes ausgesetzt würden. Denn das Jenseits ist nichts anderes als das direkte Resultat unserer diesseitigen Handlungen und wir selbst sind es, die frei darüber entscheiden wie wir im Diesseits Handeln und folglich im Jenseits leben werden.

So ist das persönliche Jenseits jedes Menschen nichts anderes als ein ewiger Spiegel unseres begrenzten Diesseits, indem sich die vielfältigen unsichtbaren Dimensionen unserer Handlungen offenbaren werden. Was immer unsere Handlungen im Diesseits betrifft, so müssen wir uns vor Augen halten, dass wir hier mit unseren eigenen Händen unser ewiges Leben ausgestalten. Ein wesentlicher Aspekt, um im jenseitigen Leben Ruhe und Frieden zu finden, ist, dass wir uns auch im Diesseits darum bemüht haben mit anderen Menschen in Frieden zu leben, kein Unheil auf Erden zu stiften und niemanden in seinen Rechten zu beschneiden. Je mehr Liebe wir im Jenseits empfangen wollen, desto mehr Liebe müssen wir auch im Diesseits verbreiten. Denn der Hass, den wir im Diesseits auf bestimmte Personen projizieren, wird diese Personen im Jenseits nicht berühren, sondern einzig auf uns selbst zurückfallen.

Doch der wohl wichtigste Faktor für ein erfolgreiches Diesseits und Jenseits ist die kontinuierliche Hinwendung und Hingabe gegenüber der Quelle allen Friedens und aller Ruhe, denn nur diese Ruhe wird ewig wären und unsere Herzen im Diesseits und im Jenseits mit Frieden füllen. Je mehr wir anderen Menschen in diesem Leben weiterhelfen und auf ihren  persönlichen Wegen ins Jenseits unterstützen, in jenem Maße werden auch wir Hilfe erhalten auf unserem Weg. So sollten wir uns also fortwährend um ein richtiges Verständnis und um eine richtige Perspektive zwischen Diesseits und Jenseits bemühen und uns intensiv der Methode des „Gedenkens an die Heimstätte des Jenseits“ widmen damit wir von unserer Existenz als Ganzes den größtmöglichen Nutzen ziehen können, unsere existentiellen Ziele erreichen mögen und somit auch der Erfüllung unserer einzigartigen Bestimmung, für die Gott uns auserwählt hat, nahe kommen können.


„Bevor du dein Ziel erreichst, musst du die notwendigen Vorbereitungen treffen. Verkaufe deine Heimat im Jenseits nicht, noch bevor du sie erreichst. Denn nach Deinem Tode bleibt kein Platz für Entschuldigungen und kein Weg zurück ins Diesseits.“ (Imam Ali.)


 

[1] Sure 45, Vers 20-21

[2] Sure 21, Vers 28

[3] Sure 10, Vers 3

[4] Sure 75, Vers 3-4

[5] Sure 30, Vers 27

Abbildung 1: http://fc-foto.de/22247160